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Schule:Schulleiter meldet sexistischen Lehrer - und bekommt selbst Ärger

Bad Orb, Südhessen

(Foto: imago)
  • 2001 war der Rektor einer hessischen Realschule gegen einen Lehrer vorgegangen, der Schülerinnen sexistisch beleidigt hatte.
  • Lehrer und Eltern waren mit dem Vorgehen des Schulleiters unzufrieden und erreichten beim Kultusministerium seine Absetzung.
  • Nach wie vor hat das Ministerium den Rektor nicht rehabilitiert.

Ende September veröffentlichte das hessische Kultusministerium eine Studie über früheren Missbrauch an der Darmstädter Elly-Heuss-Knapp-Schule. Es ist eine erschreckende Chronik über Versäumnisse von Pädagogen, Ämtern und Strafverfolgern, die einen sexuell gewalttätigen Lehrer jahrzehntelang nicht stoppten. Mindestens 35 damalige Schüler wurden seine Opfer, an manchen Tagen missbrauchte er mehrmals. Das Ministerium entschuldigte sich bei den Opfern für das ihnen zugefügte Leid.

Geht es nach der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), muss das Landesministerium noch weitere Aufklärung in Sachen sexueller Belästigung an heimischen Schulen leisten. Zumindest ein weiterer Fall ist aktenkundig, wenn auch nicht zu vergleichen mit dem, was sich in Darmstadt von 1961 bis in die späten 90er-Jahre zugetragen hat.

Es geht um den Ex-Rektor einer Realschule im südhessischen Bad Orb. Der war 2001 gegen einen Lehrer vorgegangen, welcher nachweislich sexuelle und herabsetzende Bemerkungen im Unterricht insbesondere gegenüber Schülerinnen machte. Dieser Einsatz sei dem Schulleiter nicht gelohnt worden, sagt Hessens GEW-Landeschef Jochen Nagel. Im Gegenteil. "Der Mann ist durch die Hölle gegangen und lebt seit 15 Jahren unter einer dunklen Wolke."

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Die Geschichte des Rektors Ulrich Vormwald nahm 2001 ihren Anfang. Damals war das ganze Ausmaß der Missbrauchsskandale an weltlichen und kirchlichen Einrichtungen noch nicht bekannt, sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche war eines der großen gesellschaftlichen Tabus. Vormwald wurde damals bekannt, dass der Lehrer sich im Unterricht unangemessen äußerte. Er soll, so berichteten Schülerinnen im Pubertätsalter einem Schulpsychologen, sie unter anderem als "kleine, fette Schweinchen" tituliert und immer wieder sexuelle Anspielungen gemacht haben.

Auch dem Kreisjugendamt kamen Klagen zu Ohren. In einem Sorgerechtsfall berichtete 2001 eine damals zwölfjährige Schülerin über verstörende sexistische Bemerkungen dieses Lehrers. Der Rektor informierte umgehend das Schulamt. Der Lehrer, der angeblich zunächst wenig Einsicht gezeigt haben soll, wurde suspendiert und später versetzt. Damit begannen die Schwierigkeiten für den Schulleiter.

Er war 2000 nach Bad Orb gekommen, seine endgültige Berufung stand 2001 noch aus. Teile der Lehrerschaft und auch der Eltern nahmen ihm, wie das staatliche Schulamt Main-Kinzig damals notierte, sein Eingreifen übel. Sie hätten ihm vorgeworfen, vorschnell ein Problem offenbart zu haben, das besser intern hätte geregelt werden sollen, heißt es in einem Bericht der Schulaufsicht. Das Schulamt und die Fachabteilung des Kultusministeriums waren dagegen der Meinung, Vormwald habe alles richtig gemacht, sich als Schulleiter bewährt. Deshalb solle er offiziell in seinem Amt bestätigt werden.

"Eine offizielle Entschuldigung ist das Mindeste, was man erwarten muss"

Aber es kam anders. Einige Lehrer und Eltern verlangten von der Landesregierung und dem damaligen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) den Abzug des Schulleiters - letztlich mit Erfolg. Der damalige Staatssekretär im Wiesbadener Kultusministerium stoppte 2002 das Berufungsverfahren des Rektors und entband ihn von seinen Aufgaben. Vormwald klagte und bekam recht. Das Verwaltungsgericht Frankfurt monierte Formfehler und kam zu dem Schluss, die Entscheidung des Staatssekretärs sei "nicht nachvollziehbar". Der Pädagoge kehrte an die Schule zurück, seine Kritiker protestierten. Die Situation wurde untragbar. Vormwald gab auf, akzeptierte einen Vergleich und wechselte auf eine andere Stelle. Reden darf er aus beamtenrechtlichen Gründen bis heute nicht über diese Dinge.

Aber GEW-Mann Nagel darf sprechen. Er verlangt, dass das Ministerium die damaligen Vorgänge an der Schule klärt und Vormwald rehabilitiert: "Eine offizielle Entschuldigung ist das Mindeste, was man erwarten muss", sagt er. Die Karriere des Mannes habe Schaden genommen, erst nach Drängen der GEW habe er eine feste Stelle bekommen, bis heute fehle ihm eine klare berufliche Aufgabe.

Nagel sagt, Vormwald liege daran, dass "in Zukunft die Täter zur Verantwortung gezogen werden und nicht die Überbringer der Botschaft dauerhaft Schikanen ausgesetzt werden". Das Kultusministerium sieht aber keinen Grund, die Bad Orber Geschehnisse aufzuarbeiten, so wie es im Fall Darmstadt geschah. Auch habe der Beamte keine beruflichen Nachteile erlitten, sondern sei zwischenzeitlich befördert worden, erklärt das Ministerium. Etwas Bewegung scheint es inzwischen aber zu geben. "Über die weitere dienstliche Verwendung (Vormwalds) hat es in jüngster Zeit Gespräche gegeben", teilte das Ministerium mit.