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Schule:Ohne Tränen

Lern Ferien NRW

Ist das Sitzenbleiben noch zeitgemäß?

(Foto: Daniel Naupold/dpa)

Immer weniger Kinder und Jugendliche bleiben sitzen, zeigen neue Datensätze. In manchen Ländern werden die Durchfall-Quoten bewusst reduziert - mit dem Argument, Klassenwiederholungen seien nicht mehr "zeitgemäß".

Von Johann Osel

Gut 150 000 Kinder und Jugendliche mussten im Schuljahr 2014/2015 eine Klasse wegen Nichtversetzung wiederholen oder sind freiwillig zurückgetreten - 2,3 Prozent aller Schüler. Dies zeigen neue Daten des Statistischen Bundesamts. Die Sitzenbleiberquote unter den Jungen lag mit 2,8 Prozent höher als unter den Mädchen (1,8 Prozent). Den bundesweit höchsten Anteil verzeichnet Bayern - fast vier Prozent. Im Zehn-Jahres-Vergleich ist die Quote im Freistaat aber - wie bundesweit - leicht gesunken; der Wert aller Länder lag 2004/05 noch um gut einen Prozentpunkt höher. Zum Beispiel in Sachsen-Anhalt ging der Anteil von 3,8 auf 2,3 Prozent zurück, in Schleswig-Holstein von 3,0 auf 1,7 Prozent. Zu beachten sei, so das Bundesamt, "dass länderspezifische Regelungen sowie ihre Änderungen" die Statistik beeinflussen.

Gemeint ist damit, dass in vielen Ländern die Schulen dazu übergehen, Durchfallen tendenziell zu reduzieren, mancherorts wurde es etwa für bestimmte Schulformen oder Klassenstufen ganz gestrichen. Leistungsschwache sollen stattdessen zu Förderstunden verpflichtet werden. Regelmäßig führt das Thema zu hitzigen Debatten in Politik und Lehrerschaft. 2013 wurde ein Dissens in der Kultusministerkonferenz (KMK) publik. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe, Koordinator der SPD-Minister in der KMK, plädierte für eine komplette Abschaffung. "Sitzenbleiben verschwendet Lern- und Lebenszeit - es ist längst nicht mehr zeitgemäß", sagt er und verwies auch auf "Schmerzen und Tränen".

Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger, hatte im vergangenen Jahr in der Süddeutschen Zeitung davor gewarnt, Sitzenbleiben als "pädagogisches Mittel" zu verkennen: "Wer mit massiven Lücken versetzt wird, muss mehr Frust erfahren als ein Wiederholer. Zugespitzt: Das Wiederholer-Jahr ist ein staatlich finanzierter Nachhilfeunterricht." Auch rügte Meidinger einen "Trend", dass "man Schule und die Möglichkeit des Scheiterns völlig trennt".

© SZ vom 09.05.2016

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