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Schule:"Bei Mobbingprozessen geht es um Macht"

Und wenn es doch zu Mobbingfällen kommt?

Dann sollten Lehrkräfte auf das betroffene Kind zugehen und auch vor der Klasse klarmachen: "Hier wird niemand ausgegrenzt!" Mobbing ist kein Konflikt auf Augenhöhe wie eine Prügelei auf dem Schulhof, wo sich A und B einigermaßen gleichrangig begegnen und danach ist wieder Ruhe. Bei Mobbingprozessen geht es um Macht, und davon hat der Täter sehr viel und der Betroffene sehr wenig. Umso wichtiger ist es, dass sich ein Lehrerkollegium dem gemeinsam entgegenstellt, jede Lehrkraft in ihren Stunden Signale genau beobachtet und sich mit Kollegen austauscht. Der nächste Schritt ist eine enge Abstimmung mit den Eltern.

Wie kann die aussehen?

Ich finde es wichtig, dass nicht nur die Eltern betroffener Kinder einbezogen werden, sondern dass das Thema auch auf Elternabenden angesprochen wird. Dort sollten Schulen zeigen, was sie unternehmen, um Ausgrenzung zu verhindern, und den Eltern auch erklären, wie sie dabei unterstützen können. Ich erwarte von den Schulen beim Thema Mobbing aber noch etwas anderes.

Was denn?

Selbstkritik. Der Hauptgrund für Mobbing ist Langeweile in der Schule. Wenn nichts los ist, sorgen Kinder und Jugendliche dafür, dass sich das ändert. Heißt: Ein guter, abwechslungsreicher und auch fordernder Unterricht, gepaart mit einem angenehmen Schulklima, verhindert Mobbing. Schule ist für Wissensvermittlung zuständig, hat aber auch einen Erziehungsauftrag. Und den kann sie nur wahrnehmen, wenn Lehrkräfte sich Zeit für Beziehungsarbeit mit ihren Schülern nehmen. Davon haben sie leider oft zu wenig - das muss sich dringend ändern.

Trifft Schulen und Lehrkräfte eine Mitschuld, wenn es in Klassen zu Mobbing kommt?

So würde ich das nicht formulieren. Ich würde sagen, die Schule ist neben dem Elternhaus der wichtigste Schutzraum im Leben eines Kindes. Und deshalb muss dort ständig hinterfragt werden, welche emotionalen Kompetenzen die Lehrkräfte von heute brauchen. Die müssen ihnen in Fortbildungen regelmäßig vermittelt werden. Es wird immer Kinder geben, denen es aus verschiedenen Gründen nicht gut geht. Sie zu beschützen und zugleich zu einem Abschluss zu führen, ist die wichtigste Aufgabe der Schulen.

© SZ.de/rus
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