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Schule:"Mit siebzehn Jahren das erste Mal keine Angst vor einer Mathestunde"

Diskutierte Kurve

Mathe war für mich immer reinster Horror. Bereits in der Grundschule verhaute ich die Prüfungen. Mir kam partout zum Zeitpunkt der Arbeit ein Gassenhauer in den Kopf, der nicht mehr weichen wollte. Das war, angesichts der Schlager von damals, eine Art Musikfolter. Über eine Vier jedenfalls kam ich nie hinaus.

Irgendwann nach den Grundrechenarten wurden die Inhalte der Mathematik immer abstrakter. Immer weniger greif- und anwendbar. Aber das soll ja dazu gut sein, Denken zu lernen. Dann trat ein neues Wort in mein Leben: Kurvendiskussion. Graphen? Asymptoten? Sattelpunkte? Verhalten im Unendlichen? Wieder bin ich an einem persönlichen Tiefpunkt angelangt und im Unendlichen verloren. Genauso ging es mit zarten 15, 16 Jahren auf dem Gymnasium: lost in space. Da ich aber auch nicht sofort aufgeben wollte, diskutierte ich mit mir selbst, wie schön und wohlgeformt die Kurve doch sei. In meiner Erinnerung habe ich diese sehr spezielle (andere würden sagen: eigene) Kurvendiskussion durchaus zärtlich und überaus poetisch auf zwei Seiten ausgewälzt. Ein paar Tage später, als der Lehrer die Benotung zurückgab, fand ich ein Smiley unter der Arbeit. Und immerhin einen Punkt - wegen Kreativität. Lars Langenau

Und es hat Klick gemacht

Bis zur 8. Klasse hatte ich in Mathe immer eine Zwei - dann kam Algebra. Plötzlich sollte ich mit Buchstaben rechnen. Wie das ging, habe ich ganz und gar nicht verstanden. Ich schrieb jahrelang in Algebra Fünfer und Sechser. Zum Glück bestand Mathe auch aus Geometrie, hier schrieb ich Einser und Zweier und verhinderte so, dass ich sitzenblieb. Meine Mathelehrer verzweifelten an mir. Sie konnten nicht verstehen, wie man das Eine konnte und das Andere so überhaupt nicht begriff. In der elften Klasse wurde ich von meinem Algebra-Albtraum endlich erlöst. Ich bekam einen Mathelehrer, der mir das Rechnen mit Buchstaben so erklären könnte, das es in meinem Kopf Klick machte. Im Mathe-Kolloquium zwei Jahre später hatte ich 15 Punkte. Claudia Urschbach

Der Harald Schmidt der Mathematik

Erkennen, welcher Aufgabentyp das ist, ein bisschen Konzentration, Schema F durchziehen: Dass Schul-Mathematik eigentlich einfach und alles Gejammer über dieses Fach übertrieben ist, begriff ich erst spät, ein oder zwei Wochen vor dem Abitur. Das lag auch an Lehrerinnen und Lehrern, die im Akkord Formeln, Definitionen und Beweise an die Tafel kritzelten, aber nie auch nur in einem Nebensatz klarzumachen versuchten, wozu man diesen ganzen Quatsch später einmal brauchen würde.

Herr Großmann war eine Ausnahme. Obwohl er Mathematik unterrichtete, nahm er sie nicht allzu ernst. Sie war für ihn nur Mittel zum Zweck, schließlich war er Doktor der Physik, allerdings auch auf den Gebieten Ironie, Sarkasmus und Zynismus einigermaßen bewandert. Herrn Großmann, Nachkriegsgeneration, muss als Kind oft kalt gewesen sein, denn ständig war er der Ansicht, man müsse "noch ein paar Briketts mehr auflegen". Damals, Mitte der neunziger Jahre, kam Stand-up-Comedy in Deutschland gerade in Mode. Und auch wenn Herr Großmann, der gerne Karohemd und Cordhose trug, modisch noch "ein paar Briketts" hätte auflegen können, verpackte er die graubrotige Mathematik genauso unterhaltsam wie Harald Schmidt das politische Tagesgeschehen. Oliver Klasen

Doch nicht grottenschlecht

Ich hatte von der neunten Klasse bis zur Kollegstufe einen Mathelehrer, der meinte, man müsse die Messlatte für die Schüler, was Noten betrifft, besonders hoch legen. In den Zwischenzeugnissen war regelmäßig die Hälfte der Klasse in puncto Versetzung sehr gefährdet, denn der Unterricht dieses Lehrers entsprach nicht dem, was Unterricht leisten sollte. Das wussten wir aber damals nicht. Wir dachten, der Matheunterricht sei einzig dazu da, uns zu vermitteln, wie blöd wir seien.

Als ich in der Kollegstufe an einer neuen Schule einen neuen Mathelehrer bekam, Herrn E., fragte er als allererstes nach der Einschätzung unserer Fähigkeiten. Ich antwortete ehrlich, ich sei grottenschlecht, denn das hatte ich drei Jahre lang wirklich geglaubt. Er sah mich an und sagte nichts. Nach einem halben Jahr Unterricht bei ihm stand ich auf einer Zwei, die ich bis zum Abitur hielt. Der Lehrer veranschaulichte uns den Stochastikunterricht mit der Wahrscheinlichkeit, mit der Herr E. dieses Jahr an die Amalfiküste fahren würde (sein Lieblingsreiseziel) oder baute unsere Klassenfahrt in Aufgaben zur analytischen Geometrie ein. Ich hatte mit siebzehn Jahren das erste Mal keine Angst vor einer Mathestunde. Vielen Dank, Herr E. Theresa Hein

Bloß nicht philosophieren!

Am schlimmsten waren diejenigen in der Klasse dran, die Mathematik philosophisch angingen statt einfach in die gewünschte Formel die jeweiligen Zahlen einzufügen. Nach einem ersten "Hä?" bohrten die Hadernden nach: "Warum?" Wieso sollten sie Kurven diskutieren? Weshalb sollte sie das persönlich voranbringen? Im schlimmsten Fall würde so eine Kurvendiskussion das Vorankommen sogar eher behindern, da die erwartbar schlechte Note die Versetzgung gefährdete. Und dann stellten die Philosophen, die im sonstigen Schulalltag weitaus weniger tiefschürfend daherkamen, stets die gleiche nächste Frage und rangen dabei verzweifelt die Hände, nachdem sie sich die Haare gerauft hatten: "Und wozu werde ich das jemals in meinem späteren Leben brauchen?"

Darauf wusste kein Mathelehrer eine Antwort, jedenfalls keine befriedigende. Daher nun die Antwort für alle, die bei Schulmathematik philosophisch werden: Ihr werdet es niemals brauchen, für nichts und für niemanden. Denn Ihr werdet euch bei eurer Berufswahl so weit wie möglich von Mathe fernhalten. Und es nicht vermissen. Katja Schnitzler

© SZ.de/mkoh/stein
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