Süddeutsche Zeitung

Schule im Ausland, Studium in Deutschland:Aufbruchstimmung

Im einen Land die Schule absolvieren, im anderen studieren, das erweitert den Horizont. Ob eine deutsche Hochschule jedoch das ausländische Abschlusszeugnis akzeptiert, hängt vom jeweiligen Fall ab.

Mit dem Bologna-Abkommen wurde im Prinzip der zweite Schritt vor dem ersten getan. Das hat zwar das Hochschulstudium im Binnenmarkt vereinheitlicht. Doch die Schulabschlüsse variieren immer noch von Land zu Land, weltweit sowieso, aber auch in Europa. In Frankreich und der Schweiz endet die Schulzeit nach zwölf Jahren mit dem Baccalauréat beziehungsweise der Matura, in England mit den A-Levels, in Österreich heißt der höchste Schulabschluss ebenfalls Matura. Wieder anders ist es im amerikanischen Schulsystem - in den USA, in Kanada, Australien und Neuseeland. Dort bekommen Jugendliche zum erfolgreichen Ende der Schulzeit nach dem erfolgreich abgeschlossenen Schuljahr das High School Diploma und können sich damit bei einem College bewerben.

Der Nachteil der bunten Vielfalt: Nicht jedes Abschlusszeugnis berechtigt zum Besuch einer deutschen Hochschule. Wer sein Kind auf ein Internat im Ausland schicken möchte, sollte sich den erreichbaren Abschluss genau ansehen. Bevor die deutsche Uni womöglich mit der Begründung ablehnt, die Mathekenntnisse aus Boston oder Phoenix seien ungenügend.

Nach der Schule in einem anderen Land zu studieren, sei mit dem Abschluss International Baccalaureate (IB) leichter, sagt Gertrud Hovestadt, Soziologin und Diplompädagogin beim EDU-Institut für Studienberatung in Rheine. "Viele Hochschulen akzeptieren das IB ohne eine zwischengeschaltete Anerkennung." Ursprünglich geschaffen für die Sprösslinge von Diplomaten, Entwicklungshelfern und Managern auf internationaler Achse, liefert das International Baccalaureate heute die einzige weltweit anerkannte Hochschulzugangsberechtigung. "Unis in England, Dänemark, Mexiko, Vietnam, wo auch immer, wenn es nicht gerade die Oxfords dieser Welt sind", weiß Hovestadt, "werden das IB bereits durchgewinkt haben, wenn andere Schulabschlüsse dem Sachbearbeiter noch Kopfschmerzen machen", befindet Hovestadt.

Abitur oder International Baccalaureate?

Für die Schüler zählen andere Argumente. "Ich habe mich für das IB entschieden, weil ich glaube, dass Internationalität immer wichtiger wird", sagt der 17-jährige Sven Ata Can Köksal. Und die gleichaltrige Marie Reichmann meint pragmatisch: "Das IB ist eine Herausforderung, um besser Englisch zu lernen und eine Erfahrung, um meinen Horizont zu erweitern." Beide sind Schüler am Salem International College in Überlingen (Baden-Württemberg). Viele Internate bieten deshalb das IB als alleinigen oder zusätzlichen Ausweis abgeschlossener Sekundärbildung an. Darunter auch deutsche, zum Beispiel Louisenlund in der Gemeinde Güby (Schleswig-Holstein), Sankt Afra in Meißen (Sachsen) und das Salem International College in Überlingen in Baden-Württemberg.

Um die Entscheidung zwischen Abitur und IB zu erleichtern, unterrichtet Salem schon in der Mittelstufe von Klasse acht bis zehn sämtliche Unterrichtsfächer sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache. Danach müssen sich die Schüler entscheiden, auf welches Ziel hin sie lernen wollen. "Etwa zwei Drittel unserer Schüler wählen das Abitur, ein Drittel das International Baccalaureate", erklärt Anne-Cläre Gurlitt, Lehrerin und IB-Koordinatorin in Salem. Bildung Made in Germany, sagt Gurlitt, habe einen guten Ruf.

Von Frankreich bis Neuseeland

Trotzdem: Angesichts der zunehmenden internationalen Verflechtung liebäugeln viele deutsche Eltern mit dem Gedanken, ihr Kind in ein Internat in der Schweiz, nach England, in die USA oder ein anderes Land zu schicken. Manche bleiben dort nur ein, zwei Jahre, andere bis zum Ende der Schulzeit und kehren danach zum Studium nach Deutschland zurück. Hier bekommen sie es als Erstes mit der Bürokratie zu tun. Denn um sich an einer deutschen Hochschule bewerben zu können, brauchen die Absolventen eine gültige Hochschulzugangsberechtigung.

Mit dem Abiturzeugnis, der österreichischen und der Schweizer Matura dem anerkannten Maturitätsausweis aus der Schweiz sowie dem französischen Diplôme du Baccalauréat Général halten sie die in den Händen. Doch die britischen A-Levels und selbst das eigens für die Globalisierung geschaffene International Baccalaureate öffnen nicht die Türen für jedes Studienfach. "Das International Baccalaureate berechtigt in Deutschland nicht automatisch zum Hochschulstudium. Damit es als gleichwertig mit dem Abitur eingestuft wird, muss man in den Prüfungsfächern Deutsch, Mathematik und Naturwissenschaften überdurchschnittliche Leistungsstandards erfüllen", erklärt Anne-Cläre Gurlitt. Um böse Überraschungen zu vermeiden, sollten sich Eltern und Schüler genau erkundigen, welcher Abschluss vom ausländischen Internat vergeben wird. Sie sollten in Erfahrung bringen, ob und gegebenenfalls unter welchen Auflagen dieser zum Studium in Deutschland berechtigt.

Frankreich, Österreich

Das in Frankreich vergebene Diplôme du Baccalauréat Général und die österreichische Matura sind der Allgemeinen Hochschulreife in Deutschland gleichgestellt. Beide Abschlüsse berechtigen zur Bewerbung an jeder deutschen Hochschule und Universität.

USA, Australien, Neuseeland

Die zehnjährige High School schließt mit dem High School Diploma (HSD) ab. Um in Deutschland anerkannt zu werden, muss das HSD von einem akkreditierten Bildungsanbieter stammen. Das ist das oberste Kriterium, an dem Eltern die Wahl einer Internatsschule auf der anderen Seite der Welt ausrichten sollten. Außerdem muss der Unterricht ein bestimmtes Profil und einen Mindestumfang der Fächerbelegung aufweisen; das hierzulande geforderte Leistungsniveau darf nicht unterschritten werden. In den USA gibt es spezielle Tests, in denen Schulabgänger ihre intellektuellen Fähigkeiten unter Beweis stellen. Manche deutsche Hochschulen verlangen diesen Nachweis. Sie können aber auch auf eine aufwendige Anerkennungsprüfung verzichten, wenn der High-School-Absolvent wenigstens zwei Jahre lang an einem akkreditierten College oder an einer University mit nachgewiesenem Erfolg studiert hat. Sie entscheiden auch, für welches Studiensemester er zugelassen wird.

Vereinigtes Königreich/Großbritannien

In England kennt man nur die fachgebundene Hochschulreife. Mit dem "General Certificate of Education", Advanced Level oder Advanced Subsidiary Level, den sogenannten A-Levels, ist die Bewerbung an deutschen Hochschulen im Rahmen der Fachbindung möglich. Falls die Prüfungsleistungen zum Zeitpunkt der Bewerbung noch nicht vorliegen, ist die Zulassung zum Studium vorläufig. Die Zeugnisse müssen bis zum Beginn des zweiten Studiensemesters nachgereicht werden.

Schweiz

Zum Studium in Deutschland berechtigen das Maturitätszeugnis einer in der Schweiz anerkannten Schule sowie das Reifezeugnis der Eidgenössischen Maturitätskommission. Mit einem kantonalen Maturitätszeugnis ohne eidgenössische Anerkennung sind die Zulassungsbedingungen nicht erfüllt.

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SZ vom 22.01.2015/mkoh
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