bedeckt München
vgwortpixel

Schule:Finanzunterricht als verpflichtendes Schulfach

Vocational school students in classroom with teacher at blackboard model released Symbolfoto propert

Viele Schüler haben kein Interesse an Mathematik, weil sie nicht wissen, wofür sie das Fach später brauchen sollen. Der Finanzunterricht könnte das ändern.

(Foto: imago/Westend61)

Wie lege ich Ersparnisse an? Wann lohnt es, eine Wohnung zu kaufen, wann zu mieten? Ab der achten Klasse sollten Jugendliche einen guten Umgang mit Geld lernen.

Die guten Zeiten für Sparer brechen gerade an, die für Bankberater enden. So sieht es auf den ersten Blick aus. Denn Anlagevermittler müssen künftig eindeutig offenlegen, wie viel Provision sie für ein Finanzprodukt bekommen, das sie einem Kunden verkaufen. So will es die Bundesregierung, und so ist es richtig. Sparer können dadurch besser erkennen, ob ein Vermittler ein bestimmtes Produkt nur empfiehlt, weil er auf seine Prämie schielt.

Dummerweise bleiben Schlupflöcher offen. Bankberater und Finanzhäuser können beispielsweise einfach Festpreise ausmachen, statt auf prozentuale Provisionen zu setzen. Schon fallen sie aus der Transparenzpflicht heraus. An dieser Stelle muss die Bundesregierung nachbessern, sonst verpasst sie eine Chance für höhere Transparenz - die ohnehin nur ein Auftakt sein kann für mehr. Deutschland braucht auf dem Gebiet einen viel breiteren Ansatz, eine Art nationalen Aktionsplan Finanzwissen.

In Finanzfragen müssen die Deutschen nachsitzen

Transparenz allein reicht nicht. Mehr Information allein ist nur die erste Voraussetzung, um Anleger zu befähigen, aufgeklärte, durchdachte Entscheidungen zu treffen. Die zweite ist: Wissen. Hier hapert es gewaltig. In einer Studie konnten weniger als 20 Prozent der Deutschen fünf einfache Finanzfragen korrekt beantworten. Ein Problem, das in der Niedrigzinsphase wichtiger wird.

Aufs geliebte Sparbuch gibt es keine Zinsen mehr, die Bundesbürger schauen sich nach Alternativen um. Viele werden auf unseriöse Anbieter 'reinfallen, die von Renditemärchen bei absoluter Sicherheit fabulieren. Mit mehr Wissen wäre klar: Hohe Gewinne gehen stets mit hohen Risiken einher. Damit sich solche Erkenntnisse durchsetzen, braucht es ein verpflichtendes Schulfach Finanzen. Hier und da ein paar lokale Initiativen, garniert mit Grußworten der Bürgermeister, das wird nicht reichen.

Die Schule ist der Ort, an dem alle Bevölkerungsschichten erreicht werden. Nur darf das Fach nicht erst in zehn, zwanzig Jahren kommen, wenn man es irgendwann geschafft hat, Lehramtsstudiengänge dafür einzurichten. Die Bundesländer, denen die Bildungspolitik obliegt, sollten bald gemeinsame Fortbildungszentren für Lehrer dafür schaffen. Der Bund sollte die Einrichtungen fördern, in wenigen Jahren wären die Lehrer einsatzbereit.

Der Unterricht muss verzahnt werden mit Mathematik und Informatik

Der Unterricht sollte in der siebten, achten Klasse beginnen, wenn die Schüler den Umgang mit Geld besser verstehen können. In den Kursen darf es nicht darum gehen, welche Finanzprodukte gut, welche schlecht sind. Es wäre deshalb zu kurz gegriffen, in erster Linie Verbraucherschützer zur Hilfe zu holen, um die Lehrpläne mitzugestalten. Ihre Mittel sind oft die der Warnung und des Verbots. Aber der Staat hat nicht die Aufgabe, seinen Bürgern vorzuschreiben, was sie mit ihrem Geld anstellen. Ebenso falsch wäre es, nur auf die Finanzbranche zu setzen, deren Sound oft der Optimismus ist, die am liebsten von Chancen schwärmt. Der Staat darf keine Euphorie-Maschine sein.

Beide Seiten sollten dabei sekundieren, einen ausgewogenen Lehrplan zu entwickeln, anhand dessen die Schüler durchexerzieren, welche Vor- und Nachteile einzelne Finanzprodukte haben, welche Gefahren, welche Gewinnaussichten. Ein Lehrplan, dessen Kernidee ist: Geldanlage, das ist das kalkulierte Risiko jedes Einzelnen. Man muss den Menschen dann zutrauen, selbst die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Das Fach Finanzen muss sich auch an Alltagsbeispielen orientieren - und dafür mit anderen Bereichen verzahnt werden, vor allem der Mathematik, was Vorteile für beide Fächer bringt. Mathe ist ein von vielen Schülern gehasstes Fach, weil sie nicht erkennen, wofür sie ihr Wissen brauchen, wenn sie die Schule abgeschlossen haben. Der Finanzunterricht schafft Abhilfe, indem Schüler ihre Kenntnisse bei praktischen Fragestellungen anwenden: Wann lohnt es, eine Wohnung zu kaufen, wann zu mieten? Welche Ausgaben fallen für die eine, welche für die andere Variante an - und wovon hängt ab, wie sich die Kosten über die Jahre verändern?

Der Finanzunterricht bietet zusätzlich Anknüpfungspunkte zur Informatik, wo Schüler lernen können, mit Tabellenkalkulationsprogrammen wie Excel umzugehen. Sie helfen, abstrakte Sparentscheidungen greifbar zu machen. Wer mit Excel umgeht, kann leichter in Zahlen denken, verliert die Angst vor ihnen - und lässt sich nicht vom Bankberater vorführen.

Vertreter der Bundesregierung dürften auch zu den ersten Unterrichtsstunden kommen - und müssten gleich zum Nachsitzen bleiben. Thema des Kurses: Warum Transparenz bei Finanzen so wichtig ist.

© SZ vom 20.03.2017/lho
Zur SZ-Startseite