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Herkunft und Bildungschancen:Es hakt nicht unbedingt am Geld

Oder wenn man sich ansieht, wer es auf eine Hochschule schafft: Von hundert Kindern mit mindestens einem studierten Elternteil beginnen 74 ein Studium, von denen wiederum 63 einen Bachelor machen, 45 noch einen Master dranhängen und schließlich zehn promovieren. Von hundert Kindern, deren Eltern keine Hochschule besucht haben, beginnen nur 21 ein Studium, schaffen nur 15 einen Bachelor, machen nur acht bis zum Master weiter - und nur eine einzige Person erlangt einen Doktortitel. Die Wahrscheinlichkeit, dass beispielsweise ein Kind einer Ärztin später selbst eine gleichwertige Stellung erreicht, ist sehr viel höher als die Wahrscheinlichkeit, dass ein Arbeiterkind später Anwalt wird. Wenn es um den Zugang zu höherer Bildung geht, ist die Ungleichheit trotz allem Gerede von Chancengerechtigkeit himmelschreiend.

Es hakt gewaltig, aber es hakt nicht unbedingt am Geld. Im Durchschnitt investieren die OECD-Länder von der Grundschule bis zur Universität 5,2 Prozent ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung in Bildung. In Deutschland waren es 2014 - das sind die jüngsten Zahlen - nur 4,3 Prozent. Gemessen an der enormen Wirtschaftskraft des Landes ist das eher beschämend. Betrachtet man allerdings die Ausgaben pro Kopf, sieht es schon besser aus: Hier liegt Deutschland mit 12 063 US-Dollar über dem OECD-Durchschnitt von 10 759 Dollar. Dies gilt jedoch nicht für alle Bildungsbereiche: Während vergleichsweise viel Geld an Hochschulen fließt, wird für Grundschulen relativ wenig ausgegeben.

Was also wäre zu tun? Die wissenschaftliche Forschung legt drei Maßnahmen nahe, mit denen sich mehr Chancengerechtigkeit erreichen ließe. Der erste und wichtigste Punkt sind stärkere Investitionen in frühkindliche und vorschulische Bildung. Je früher Kinder gefördert werden, desto geringer ist am Ende der Schulzeit die Ungleichheit zwischen benachteiligten und bessergestellten Kindern. Es sind gerade die Investitionen in die Drei- bis Sechsjährigen, die einen Bildungsaufstieg ermöglichen - und zwar ganz besonders dann, wenn sie Kindern aus sozial schwachen Schichten zugutekommen. Dies gilt aus dem einfachen Grund, dass sich Lernerfolge potenzieren: Frühes Lernen verbessert den Ertrag des späteren Lernens ganz erheblich. Wenn man Jugendliche erst mit 16 Jahren fördert, dann ist es zu spät. Das Interesse an der Welt und die Sprache müssen beizeiten geweckt werden. Man darf sich nicht einfach auf die Schlauheit, Neugier und Hartnäckigkeit von Kindern verlassen, die im Allgemeinen wenig Lust haben, schon im Sandkasten die Karriere im Auge zu behalten. Es braucht fähige Erzieher und Lehrer, vor allem da, wo ehrgeizige Eltern fehlen.

Der zweite Punkt: Die Forschung zeigt deutlich, dass in Ländern, die ihre Kinder sehr früh auf unterschiedliche Schularten verteilen, später größere Ungleichheit herrscht; dort hängen am Ende der Schulzeit die Leistungen der Schüler stärker vom Elternhaus ab als in Ländern, wo man das später macht. Wird länger gemeinsam gelernt, leistet dies einen wichtigen Beitrag zur Chancengleichheit. Die meisten deutschen Bundesländer trennen die Kinder schon nach der vierten Klasse. "Befürworter dieses Systems sehen in einer möglichen Abkehr den Untergang des Abendlandes. Allerdings: Der Rest des Abendlandes hat ein solches System schon längst nicht mehr", sagt Wößmann. Zwei Drittel der OECD-Länder teilen die Schülerinnen und Schüler erst im Alter von 15 oder 16 Jahren auf unterschiedliche Schularten auf. Die Logik dahinter: Je früher man trennt, umso stärker hängt die Entscheidung von den Eltern ab; die Lehrer hatten ja bloß vier Jahre vormittags Zeit, sich um die Bildung der Kinder zu kümmern. Entscheidet man später, kommt es mehr auf die tatsächlichen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler an.

Drittens zeigen Studien, dass Länder, die es besser machen als Deutschland, ihre Bildungsausgaben nicht mit der Gießkanne verteilen, wie es hierzulande üblich ist. Sie versuchen vielmehr gezielt benachteiligte Kinder zu fördern. Auch Deutschland sollte bei der Finanzierung der Schulen nicht bloß auf die Zahl der Schüler blicken, sondern deren sozioökonomischen Hintergrund berücksichtigen. So etwas gibt es erst ansatzweise, etwa für Brennpunktschulen, aber nicht systematisch.

Woran mag es liegen, dass trotz der eindeutigen Forschungsergebnisse nichts geschieht? Warum findet eine Politik, die allen Kindern - unabhängig von ihrer sozialen Herkunft - gleichberechtigten Zugang zu Bildung verschafft, keine Mehrheit? Das Versagen der Bildungspolitik hat viel mit Ideologie und hartnäckig vertretenen Partikularinteressen zu tun. Die meisten Menschen finden zusätzliche Bildungsinvestitionen bestimmt gut, solange ihre Kinder davon profitieren. Wenn die Mittel aber gezielt für Kinder von Hartz-IV-Empfängern oder Flüchtlingsfamilien genutzt werden, damit auch sie Anschluss finden, dann ist das Bildungsbürgertum womöglich nicht mehr so begeistert davon. Dabei schwingt die Furcht mit, eine gute Bildung sei nichts mehr wert, wenn jeder sie hätte. Doch wer so denkt, der irrt.

Von einer besseren Bildung jedes Einzelnen profitiert die gesamte Gesellschaft, nicht zuletzt durch geringere Ausgaben für Sozialleistungen und zusätzliche Steuereinnahmen. Sie würde das Wachstum steigern und den Wohlstand fördern - und zwar für alle und nicht nur für wenige.

© SZ vom 19.05.2018/mkoh
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