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Lernprogramme an Schulen:Wenn das Kindliche zum Kindischen verzogen wird

Im Ganzen scheint bei den Entwicklern von Lernspielen die Überzeugung vorzuherrschen, dass Kinder immer eine Rückmeldung benötigen. Lernende müssen immer an die Leine genommen werden. Es scheint auch nicht zu reichen, eine neutrale Rückmeldung zu geben, etwa durch ein einfaches Geräusch, ein Icon oder durch die Wiederholung bzw. Angabe des richtigen Resultats.

Das erscheint zwar als Randproblem des digitalen Lernens, aber die Summe genau solcher "Randprobleme" erzeugen im Ganzen eine veränderte Lern- und Denkkultur. Diese Kultur zeigt sich in den Lernprogrammen als Kultur der Infantilisierung. Das Kindliche wird zum Kindischen verzogen. Es ist aber auch eine Kultur der Ent-Individualisierung. Kein Lehrer und kein Elternteil könnte eine solch stumpfe Ignoranz gegenüber der individuellen Leistung des Kindes zeigen wie die Rückmeldungen in Lernprogramm.

Es ist auch etwas völlig Verschiedenes, ob ich mein Kind zuhause vor ein Lernprogramm setze oder ob dies die Institution Schule tut. Zum einen steckt hinter der Schule immer die Wucht der kulturellen Setzung, Schule fixiert Standards als kulturell gewollt. Zum anderen bedingt die Existenz der Schulpflicht, dass die Kinder notfalls mit der Polizei zur Schule gebracht werden. Das verpflichtet umgekehrt die Institution Schule zur Einhaltung eines Mindestniveaus der Ansprache der Schüler. Für Schulbücher gibt es deshalb eine kultusministerielle Überwachung. Dieser Anspruch scheint mit dem digitalen Pakt ad acta gelegt. Digitale Produkte werden ohne jede Anspruchsprüfung in die Schulen gedrückt.

Zu Recht gibt es die Forderung, dass der Digitalpakt auch Fortbildungen für Lehrkräfte finanziert. Aber diese Fortbildungen arbeiten die Lehrkräfte tendenziell in die affirmative Nutzung von digitalen Angeboten ein. Für eine kritische Reflexion der Lernkultur, die der Digitalpakt in die Schulen trägt, gibt es derzeit leider keinen Ort.

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