Schule:Kinder verlieren einen Teil ihrer kulturellen Identität

Zwar sei es seit Jahrzehnten klar, dass Muttersprache in der Schule gefördert werden muss, sagt Heiner Böttger. Aber leider werde diese Erkenntnis kaum umgesetzt. Das erkennt auch, wer sich durch die Schulgesetze verschiedener Bundesländer liest.

Meist steht dort etwas über Herkunftssprachenunterricht und auch darüber, dass man die Muttersprache von Kindern mit Migrations- oder Fluchtgeschichte nicht verkümmern lassen will. Aber eben nur, wenn noch Geld dafür übrig ist. In einem Papier aus Nordrhein-Westfalen heißt es etwa, Herkunftssprachenunterricht könne, "im Rahmen der haushaltsrechtlichen und organisatorischen Möglichkeiten" erteilt werden. In der Praxis also eher selten. Bayern hat den muttersprachlichen Ergänzungsunterricht schon vor Jahren abgeschafft. Wenn doch Unterricht in dieser oder jener Muttersprache angeboten wird, kümmern sich darum die diplomatischen Vertretungen der jeweiligen Länder. "Verantwortungslos", meint Sprachdidaktiker Böttger.

Anders wird mit dem Thema zum Beispiel in Schweden umgegangen. Schon seit den späten Siebzigerjahren haben Kinder, deren Muttersprache nicht Schwedisch ist, ein Recht darauf, zusätzlich zum normalen Curriculum zumindest ein paar Schulstunden pro Woche in jener Muttersprache unterrichtet zu werden. Das klappt offenbar tatsächlich: So haben zum Beispiel somalische Eltern vor einigen Jahren an einer Schule in Örebrö für muttersprachlichen Unterricht gesorgt. Gut organisierte Kommunen kommen bereits vor der Einschulung von Kindern mit anderen Muttersprachen auf deren Eltern zu und klären, welche Möglichkeiten es für Unterricht auf Deutsch, Italienisch, Arabisch und so weiter gibt.

Die Totschlagargumente, die Kritiker bei jeder bildungspolitischen Debatte schnell bei der Hand haben, lauten natürlich auch hier: kein Geld, kein Personal, keine Zeit. Das will Heiner Böttger so nicht gelten lassen. Natürlich sei ein immenser - auch finanzieller - Aufwand nötig, um für die vielen verschiedenen Muttersprachen der Schüler in Deutschland qualifizierte Lehrer aufzutreiben. Und natürlich seien die Stundentafeln jetzt schon voll. "Dann muss man Schule eben noch mehr ganztägig denken", sagt Böttger.

Gerade in einer globalisierten Welt, in der Mobilität ein immer wichtigeres Kriterium ist, spricht vieles für die Förderung der Muttersprache. Man stelle sich ein arabisches Kind vor, das die eigene Sprache vielleicht einigermaßen, die zugehörigen Schriftzeichen aber nie gelernt hat. "So ein Kind verliert nicht nur einen Teil seiner kulturellen Identität. Es wird auch nie mehr die Möglichkeit haben, in sein Herkunftsland zurückzugehen und dort zu arbeiten", erklärt der Hochschullehrer.

Dabei weiß der Wissenschaftler natürlich, dass sich das deutsche Schulsystem weder bis morgen noch bis übermorgen so grundlegend ändern wird, wie er es sich aus sprachwissenschaftlicher Sicht wünscht. Für ausländische Eltern hat er daher einen Tipp, damit ihren Kindern das Sprachenlernen leichter fällt. "Sie sollen auf keinen Fall mit ihren Kindern radebrechend Deutsch sprechen, sondern bei der Muttersprache bleiben." So werde diese gefestigt und die Basis geschaffen für die deutsche Sprache.

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