Schule "Irgendwann waren wir wirklich verunsichert"

Chiara begann ihre Schullaufbahn an einer Montessori-Schule. Als ihre große Schwester auf die Realschule wechselte, kam auch Chiara auf eine Regelschule, das war logistisch einfacher. Es gab nicht den einen Vorfall, der aus dem neugierigen Kind eines machte, das sich immer mehr zurückzog und nichts mehr lernen wollte. Sie war keine Außenseiterin, aber den Lehrern gegenüber schüchtern. Oft verstand sie die Hausaufgaben nicht. Ebenso wenig, warum sie alles so machen musste, wie es ihr vorgegeben wurde. Chiara bekam schlechte Noten und Bauchweh. Jeden Morgen hatte sie Angst, in die Schule zu gehen. Als sie mit einer Sechs in Mathe nach Hause kam, hatte sie auch Angst vor ihren Eltern.

"Die meisten halten ihre Kinder ja für die klügsten, aber irgendwann waren wir wirklich verunsichert", erinnert sich Chiaras Mutter, Kathy Sollmann-Hergert. In der vierten Klasse ist von der verspielten Leichtigkeit, die ihre Jüngste als Kleinkind hatte, nichts mehr da. Auch die mittlere der drei Töchter hat Probleme in der Schule, die Eltern testen ihre Mädchen auf Legasthenie und Dyskalkulie, suchen verschiedene Schulpsychologen auf, fahren mit Chiara zum Gehirntraining, damit sie lernt, aufmerksamer zu sein. "Es ist krass, was man alles macht, damit die Kinder schulkonform werden", sagt Kathy Sollmann-Hergert heute. An den eigenen Kindern zweifeln wollen sie nicht. Aber was, wenn sie wirklich nicht klug genug sind für die Schule? Als sie einen IQ-Test machen lassen, stellt sich heraus, dass beide in einigen Bereichen hochbegabt sind.

Die meisten Kinder kommen im Regelschulsystem gut zurecht, doch Chiara ist kein Einzelfall. Manche Kinder tun sich schwer. Das zeigt beispielsweise eine Studie der Universität Würzburg, die auf die hohe Stressbelastung von Kindern beim Übertritt auf weiterführende Schulen hinweist. Oder der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, der auf den Zusammenhang zwischen Schulstress und der Zunahme psychosomatischer Symptome wie Kopfschmerzen und Bauchweh, aber auch ernsthafter Erkrankungen wie Depressionen aufmerksam macht. Und immer wieder dringen Bildungs-, Hirn-, Sozial- und Zukunftswissenschaftler auf grundsätzliche Reformen. So entsteht der Eindruck, dass eine breite Kluft herrscht zwischen Schule, wie sie ist, und Schule, wie sie sein könnte.

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So wollen Schulen gestressten Kindern helfen

Stress bereitet Schüler aufs Leben vor, findet mancher Erwachsene. Ein Wissenschaftler sieht das anders - und kämpft gegen den gefühlten Druck im Klassenzimmer.   Von Matthias Kohlmaier

Familie Sollmann-Hergert suchte schon lange nach Alternativen, als sie im Sommer 2014 von der Gründung der Sudbury-Schule lesen. Es scheint der Schlüssel zum Glück zu sein. Doch der Anfang ist schwer. Chiara ist schüchtern und vermisst ihre alten Freundinnen. Sie weiß nicht, wohin mit sich, verbringt viel Zeit in der Bibliothek und im Computerraum. Dann freundet sie sich mit zwei Mädchen an, sie verschwinden in ausgedachte Abenteuer nach draußen. Doch bald gibt es ständig Streit, Chiara fühlt sich nicht wohl, das Bauchweh kommt zurück, die Eltern fragen sich, ob ihr Kind depressiv ist. Sie zweifeln an der Schule. "Die Anfangszeit hat an den Grundpfeilern unserer Familie gerüttelt", erzählt Kathy Sollmann-Hergert.

In Regelschulen sind sich die Kinder ähnlicher. An der Sudbury-Schule landen viele, die als Problemkinder abgestempelt wurden, Fälle von Legasthenie, Mobbing, Aspergersyndrom, Kinder, die nicht mehr spielten und nicht mehr lernten. Die Eltern treffen sich einmal im Monat zum Elternabend. Während einige ihre Kinder wieder von der Schule nehmen, versucht Familie Sollmann-Hergert, ihrer Tochter und dem Sudbury-Modell zu vertrauen.

Chiaras Freundinnen schließen sie aus, wenn ihnen irgendwas nicht passt. Chiara versucht, mit ihnen zu reden - ohne Erfolg. Sie will nicht zurück in die Regelschule, aber sie kann auch nicht zu Hause bleiben. In Deutschland gibt es Schulzwang, daran müssen sich auch die Kinder an der Sudbury-Schule halten. Dann entdeckt Chiara, dass sie sich wehren kann gegen die Freundinnen, die sie so oft ausschließen, wenn ihnen etwas nicht passt: "Irgendwann habe ich mich getraut, eine Anzeige ans Justizkomitee zu schreiben." Die Mädchen sind kurz eingeschnappt, aber das renkt sich wieder ein. Langsam wachsen die Kinder zu einer Gemeinschaft zusammen, sie haben gelernt, ihre persönliche Freiheit mit den Bedürfnissen der Gemeinschaft zu vereinbaren.

Chiara beginnt, für die anderen Schüler und Mitarbeiter zu kochen. Sie schaut sich einiges bei ihrer Mutter ab und sieht sich auf Youtube Lernvideos an. Jeder, der mitessen will, trägt sich in eine Liste ein und bezahlt drei Euro. Wenn Chiara, das Kind mit der Sechs in Mathe, beim Einkauf gut kalkuliert, kann sie Gewinn machen. "Einmal habe ich an einem Tag 17 Euro verdient", erzählt sie stolz. Als sie Reiten lernen möchte, bereitet sie einen Antrag für die Schulversammlung vor. Sie sucht Schüler, die mitmachen, telefoniert Reitställe ab, verhandelt die finanziellen Konditionen und organisiert einen Fahrdienst. Dem Antrag wird stattgegeben. Als Nächstes wollte sie einen Mathekurs ins Leben rufen, doch dazu kommt es nicht mehr.