Schule Mahmoud sagt: "Formeln sind überall gleich"

Mahmoud kam in das Projekt und besuchte, wie die meisten schulpflichtigen Flüchtlinge, eine Vorbereitungsklasse. Dort haben sie gemerkt, was der Junge drauf hat, mehr als andere, sein Betreuer erzählt, wie er ihn systematisch getestet hat, mit Mathe- und Physikaufgaben. "Da dachte ich mir: Der Junge gehört eigentlich aufs Gymnasium." Mahmoud sagt: "Formeln sind überall gleich."

Offiziell lässt sich das im Behördenbericht nachlesen, nach Mahmouds Ankunft in Deutschland erstellt. Darin stehen Ergebnisse von Stuhluntersuchungen nebst Erkenntnissen über den "geistigen Entwicklungsstand", das Papier liest sich wie ein Schulzeugnis: "Mahmoud wurde ab dem sechsten Lebensjahr beschult und ist in seiner Muttersprache Arabisch vollständig alphabetisiert. Das lateinische Alphabet war ihm bei Ankunft in Deutschland vertraut. Er verfügt über sehr gute Englisch-Kenntnisse, ein fundiertes schulisches Allgemeinwissen und rasche Auffassungsgabe."

Integration Was Schüler über Flüchtlinge in ihren Klassen denken
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Was Schüler über Flüchtlinge in ihren Klassen denken

300 000 Flüchtlinge sollen bis Jahresende deutsche Schulen besuchen. Eine Umfrage zeigt: Ihre Mitschüler sind skeptisch - aber nicht wegen der Herkunft der Neuen.   Von Johann Osel

Ein Tag im Flüchtlingshaus, es herrscht Trubel. Jeder hat sein eigenes Zimmer, einen Rückzugsraum. In Mahmouds Bude treffen alte und neue Heimat aufeinander: Fotos des Fußballers Mario Götze hängen über dem Bett und die syrische Flagge. Daneben der Schreibtisch, den er zum Lernen braucht, viel öfter als die Mitbewohner, die berufsvorbereitende Kurse besuchen und sich nicht mit binomischen Formeln und Barockgedichten herumschlagen.

Zum Rundumpaket für die UMF gehört hier: eine wöchentliche Kulturstunde. Die jungen Männer, aus Syrien, Irak, Eritrea, lernen mal etwas über deutsche Wälder, mal über Ernährung, über Recht und Gesetz. Thema heute: Feste, Anlass ist Ramadan. Der Dozent, Syrer und seit Jahrzehnten in Deutschland, erklärt die Regeln im Haus, wer will, kann fasten. Aber, stellt er klar: "Religion ist Privatsache." Die Schüler nicken eifrig, das wurde ihnen offenbar schon öfter mitgeteilt. Mahmoud fastet ein paar Tage - "vielleicht" -, Religion steht für ihn nicht an erster Stelle.

Ein bisschen Peter Zwegat für Flüchtlinge

Kulturstunde also. Die Schüler sind unterschiedlich weit, vor allem im Deutschsprechen, obwohl alle etwa gleich lang in Deutschland sind. Einige lümmeln an ihren Tischen, andere sitzen kerzengerade auf ihren Stühlen. Mahmoud zum Beispiel. Letztes Mal hatten sie über Geld gesprochen, Einnahmen und Ausgaben. Ein bisschen wie Peter Zwegat für Flüchtlinge ist das, der Schuldnerberater aus der Fernsehsendung, der am Flipchart jeden Euro durchplant. Erst Miete, dann Disco, das hört man, auch Debatten, welche Kosten wichtiger sind. Auf die These eines Jungen, "Ohne nix, nix gut", können sich schließlich alle einigen.

Mahmoud sagt, Deutschland sei ja keine andere Welt, es sei so, wie er es sich vorgestellt habe, wie er in Büchern gelesen habe. Klischees mag er nicht. Das sei wie früher, wenn Europäer nach Syrien kamen - die seien ganz überrascht gewesen: "Ist gar nicht wie die dritte Welt." Das war vor dem Krieg, der Mahmoud zum Flüchtling machte.