Schule "Ich habe noch nie so engagierte Lehrer erlebt"

Schüler der Østerskov Efterskole in Dänemark bei einem Rollenspiel.

(Foto: Jeanne Mundel)

Frustriert vom deutschen System ging Jeanne Mundel für ein Jahr nach Dänemark - auf die erste Rollenspielschule der Welt. Hier erzählt sie, wie es ist, im Unterricht einen Mordfall zu lösen.

Protokoll von Christian Bleher

Ich bin gar kein Rollenspielfan. Im Wald herumspringen und aufeinander schießen, das ist nicht so meine Welt. Aber neugierig war ich trotzdem: In Hobro, einer Stadt im Norden von Jütland, gibt es eine Schule, an der durch Rollenspiele gelernt wird. Vor drei Jahren hatte ich darüber in einem Artikel im SZ-Magazin gelesen, in einer Zeit, in der ich frustriert war, wie Schule bei uns funktioniert. Am G 8 ist alles auf Noten ausgerichtet. Es gibt viel Intoleranz und Ungerechtigkeit, und wenig Zusammenhalt. Auch bei uns sind Schüler, die anders ticken, wir haben aber nie gelernt, darüber zu reden.

Ich schrieb dem Schulleiter der Østerskov-Schule, durfte eine Woche hospitieren - und war total fasziniert. An diese Schule wollte ich, um jeden Preis, auch wenn ich erst mal Dänisch lernen musste. Es ist keine internationale Schule, sondern eine Efterskole, eine "Nachschule". Die Dänen gehen neun Jahre gemeinsam auf die Schule, danach besuchen viele eine solche Efterskole, um herauszufinden, in welche Richtung sie gehen wollen, ob sie einen Beruf erlernen oder drei Jahre Gymnasium dranhängen. Diese Schulen sind Internate, und sie haben jeweils einen eigenen Schwerpunkt, Musik zum Beispiel, Kunst oder Sprachen. Und diese hier war die erste weltweit, die den gesamten Unterrichtsstoff in Form von Live-Rollenspielen vermittelt.

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Chiara kam in ihrer Klasse plötzlich nicht mehr klar. Also wechselte sie auf eine Schule, in der Kinder selbst bestimmen, was und wie sie lernen.   Von Lisa Rüffer

Bei meiner Hospitanz habe ich gemerkt, was für eine tolle Plattform die Spiele sind, was für ein Ventil. Die Schüler können rauslassen, was sie sonst nicht sein können oder dürfen. Sie können jemand anders sein und Selbstbewusstsein tanken. Jetzt, ein halbes Jahr nach meiner Rückkehr, will ich davon erzählen, um anderen Jugendlichen zu zeigen, dass Schule auch anders geht: dass sie richtig Spaß machen kann, dass man einen eigenen Weg finden kann.

Natürlich wird an der Østerskov nicht den ganzen Tag gespielt. Es ist ein Wechsel aus Spielphasen und Unterricht, aber nie Frontalunterricht. Jede Woche wird ein neues Spiel eingeführt, und der gesamte Stoff, egal ob Mathe, Sprachen, Bio, Politik, war dem Motto des Spiels untergeordnet. Wir hatten eine "Star-Wars-Woche", eine "Peace-in-our-Time-Hippie-Woche", eine "Jack-the-Ripper-Woche". Die Deutschlehrerin hat die Woche "Antifaschistischer Wall" konzipiert. Mit Stellwänden teilten wir den Raum, ich schlüpfte in die Rolle einer braven DDR-Bürgerin. Ein Perspektivwechsel, der einen ganz neuen Blick auf die historischen Ereignisse eröffnet.

"Das vergisst man so schnell nicht mehr"

In der "Serienmörder-Woche" war ich Ermittlerin. Ich besorgte mir aus dem Fundus Lederjacke und Pilotenbrille. Wir hatten einen Mordfall zu lösen, ein Mann war an seinem Schreibtisch erschossen worden. Der tödliche Schuss konnte nur von draußen durchs Fenster abgefeuert worden sein. Nur: von wo genau? Ein Schuss ging daneben und traf die Wand, ein anderer den Schreibtisch. Aus den Daten konnten wir Ein- und Ausfallwinkel berechnen und die Schusslinien nachzeichnen. Dazu brauchten wir Winkelfunktionen, die wir uns im regulären Unterricht erarbeitet hatten. So fanden wir heraus, wo der Mörder gestanden haben musste.

Jede Ermittlergruppe hatte das Rätsel zu lösen, wann genau der Mord geschah: anhand der Maden, die in dem Leichnam herangewachsen waren. Wir wussten, dass sie sich 24 Stunden nach dem Tod bilden und bei bestimmten Temperaturen um soundso viele Millimeter wachsen. Wenn sie jetzt also drei Zentimeter lang waren, wie lange war dann die Person schon tot? Ziemlich morbide alles, klar. Aber was man da in Geometrie oder Bio oder Physik lernt, das vergisst man so schnell nicht mehr.

Das ist das Tolle: Man lernt im Kontext. Was man lernt, hat unmittelbar Sinn.