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Schule und Corona:"Eigentlich mag ich mir das gar nicht ausmalen"

Schulbeginn in Mecklenburg-Vorpommern

In fast allen Regionen Deutschlands läuft der Unterricht nach den Sommerferien schon wieder. Hier ein Eindruck vom ersten Schultag in Schwerin, Anfang August.

(Foto: dpa)

Ein zweiter Lockdown? Dieses Szenario könnte schlimme Folgen haben, meint Schulpsychologe Uwe Sonneborn. Seit Corona bitten ihn auch immer mehr Lehrkräfte um Rat - die Unsicherheit sei groß.

Interview von Julian Erbersdobler

In den meisten Bundesländern hat die Schule schon wieder begonnen. Am Dienstag startet auch Bayern, Baden-Württemberg folgt in der kommenden Woche. Aber was wird das für ein Jahr? Uwe Sonneborn ist Diplom-Psychologe und Mitglied im Vorstand des Landesverbandes Schulpsychologie NRW. Er berät Eltern, Schüler und Lehrkräfte.

SZ: In Nordrhein-Westfalen wird jetzt schon wieder seit ein paar Wochen unterrichtet. Wie läuft es aus Ihrer Sicht?

Uwe Sonneborn: Erstaunlich routiniert und reibungslos. Das hätte ich nicht gedacht. Natürlich braucht es am Anfang eines Schuljahres immer ein bisschen Zeit, ein bis zwei Wochen, bis sich die Abläufe einspielen. Aber ich hätte mit mehr Widerspruch im Umgang mit den Corona-Regeln gerechnet.

Interview am Morgen

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Was meinen Sie genau?

Nehmen wir zum Beispiel die Maskenpflicht. Bis Ende August mussten in Nordrhein-Westfalen alle Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufen auch im Unterricht Mund und Nase bedecken. Das hat funktioniert. Je klarer die Regeln, desto weniger Diskussionen. Die strikte Maskenpflicht hatte auch interessante Nebeneffekte. Selbst unter den Schülern, die sonst mit ihrem Verhalten auffallen, zeigten sich weniger Probleme. Wahrscheinlich, weil die Vorgaben von oben kamen und deshalb gar nicht zur Debatte standen.

Seit September ist es den Schülerinnen und Schülern selbst überlassen, ob sie auch im Unterricht Maske tragen.

Die meisten machen es weiterhin, was ich so höre. Aber natürlich birgt die Freiwilligkeit auch Konfliktpotenzial. Manche Schüler fragen sich: Warum trage ich eine Maske, der andere aber nicht? Andere wollen nicht neben Mitschülern sitzen, die keine Maske tragen. Aber das sind eher Ausnahmen.

Wie hat die Corona-Krise Ihre Arbeit als Schulpsychologe verändert?

Ein Trend hat sich jetzt noch mal verstärkt. Wir kümmern uns immer mehr um Lehrkräfte und Schulleitungen. Besonders viele Anfragen gab es in der Zeit, als die Schulen während des Lockdowns schließen mussten. Da war die Unsicherheit groß. Wie kriegen wir das alles hin? Und welche Vorgaben müssen wir beachten? Die haben sich ja zum Teil fast stündlich geändert. Das hat zu einer sehr großen Anspannung bei vielen Lehrkräften und Schulleitungen geführt.

Uwe Sonneborn

Uwe Sonneborn, 59, ist Vorstand des Landesverbandes Schulpsychologie Nordrhein-Westfalen.

(Foto: oh)

Wie hat sich das geäußert?

Ich habe immer wieder davon gehört, dass nachts irgendwelche Mails mit neuen Bestimmungen kamen. Am nächsten Morgen wurden dann alle zusammengerufen, um das praktisch umzusetzen. Ich habe noch nie gesehen, dass Lehrkräfte und Schulleitungen so angespannt in die Ferien gegangen sind. Viele konnten gar nicht runterfahren. Da war nicht wirklich an Erholung zu denken.

Was können Sie tun, um Lehrkräften, aber auch Schulleitungen in dieser Zeit zu helfen?

Manchmal reicht es schon, das Geschehen zu relativieren. Manche haben sehr hohe Ansprüche an sich selbst. Sie wollen auf gar keinen Fall, dass sich jemand infiziert. Egal wie korrekt man sich als Lehrkraft oder Schulleitung auch verhält, man kann nie alle Risiken ausschließen. Natürlich gibt es auch Schülerinnen und Schüler, die in einer unbeobachteten Situation mal die Maske abnehmen, oder die Distanz nicht wahren. Diese Möglichkeit muss man aushalten können.

Keine Schule will der nächste Hotspot sein.

Natürlich nicht, das Damoklesschwert schwebt letztlich über jeder Schule. Aber es gibt auch immer Unbekannte, die Lehrkräfte nicht beeinflussen können. Sie wissen zum Beispiel nicht, was die Schülerinnen und Schüler am Nachmittag in ihrer Freizeit machen. Hält sich da jeder an die Regeln?

Während des Lockdowns haben sich Schüler und Lehrer über einen längeren Zeitraum nicht gesehen. Kann man die Folgen überhaupt schon abschätzen?

Einiges wird sich sicher erst später bemerkbar machen. Wir gehen aber auf jeden Fall davon aus, dass das Leistungsspektrum der Schülerinnen und Schüler weiter auseinandergehen dürfte. Das heißt: Am Ende könnten die Schwächeren, die auch vor Corona schon Probleme in der Schule hatten, noch weiter ins Hintertreffen geraten.

Was würde ein zweiter Lockdown bedeuten?

Eigentlich mag ich mir das gar nicht ausmalen. Es würde wohl einige Schülerinnen und Schüler völlig abhängen - leistungsbezogen, emotional und sozial. Sie würden mehr als nur ein Schuljahr an Entwicklung verlieren. Deshalb haben es ja auch alle so begrüßt, dass die Schulen wieder geöffnet sind. Das gab es davor wahrscheinlich auch noch nie. Millionen Schülerinnen und Schüler, die sich wirklich auf die Schule freuen.

© SZ.de/ihe
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