Süddeutsche Zeitung

Schulen und Corona:Lüften reicht erst mal

Das Robert-Koch-Institut verlangt klare Regeln für die Schulen: Bei vielen Infektionen sollen Kinder und Jugendliche Masken im Unterricht tragen. Und die Kultusminister? Bleiben unverbindlich.

Von Susanne Klein und Kristiana Ludwig

Kanzlerin Angela Merkel ließ ihre Skepsis schon am Mittwochabend anklingen, Kanzleramtsminister Helge Braun sprach es am nächsten Morgen deutlich aus: Die von Bund und Ländern erstrittenen Beschlüsse könnten sich als zu lasch erweisen, um die erneute Pandemiedynamik zu bremsen. Vor allem Eltern erfüllt das mit Sorge. Sie fürchten, dass viele Schulen und Kitas wieder geschlossen werden könnten, wenn das Infektionsgeschehen weiter so schnell zunimmt.

Entsprechend groß war die Spannung, welche Maßnahmen die Kultusministerkonferenz am Freitag für die Schulen im Winterhalbjahr beschließen würden. Würde für die Ankündigung der KMK dasselbe gelten, was Helge Braun gesagt hat: Dass "wir", die Bürger also, "alle mehr machen und vorsichtiger sein müssen" als das, was die Politik beschlossen hat?

Es sieht ganz danach aus. Als die KMK-Präsdentin Stefanie Hubig am Freitagmittag aus der Sitzung kommt, um die Journalisten zu informieren, fällt der entscheidende Satz nach zehn Minuten. "Wir haben in dem Sinne jetzt nichts Neues beschlossen", sagt die rheinland-pfälzische Bildungsministerin (SPD). Es bleibt also bei dem Rahmen-Hygieneplan von Anfang September, der weitgehend unverbindlich beschreibt, wie der Schulbetrieb in den Bundesländern je nach Infektionsgeschehen ablaufen soll. Man habe den Plan mit den Empfehlungen für Schulen abgeglichen, die das Robert-Koch-Institut (RKI) diesen Montag herausgegeben hat, und gesehen, dass es das "richtige Vorgehen" ist, "dass man stufenweise vorgeht, wenn die Inzidenzen steigen".

Das Problem: Der KMK-Plan verknüpft schärfere Maßnahmen wie eine Maskenpflicht im Unterricht nicht mit konkreten Infektionszahlen - obwohl das RKI genau das vorsieht. In seinen Empfehlungen rät es zur Maskenpflicht im Unterricht ab Klasse 5, wenn binnen sieben Tagen mehr als 35 Infektionen pro 100 000 Einwohner auftreten. Steigt die Inzidenz über 50, sollten laut RKI sogar Grundschüler das Stück Stoff beim Lernen tragen.

"Ein Automatismus macht aus unserer Sicht aber keinen Sinn", hält die KMK-Präsidentin dagegen. Die Entscheidung müsse von der Situation vor Ort abhängig gemacht werden. Auch das RKI erwähnt den regionalen Aspekt, ein auf einzelne Cluster konzentriertes Infektionsgeschehen etwa könne ein alternativer Indikator für die Entscheidung über Maßnahmen sein. Diese Freiheit geht den Kultusministern nicht weit genug: Es soll den Ländern überlassen bleiben, wann sie mit welcher Stufe reagieren. Und so kommt es, dass sich bislang nur Bayern und Baden-Württemberg festgelegt haben: Dort gilt nun ab 35 Neuinfektionen die Maskenpflicht für ältere Schüler im Unterricht. Steigt der Wert über 50, zieht die Maske in Bayern auch in die Klassenzimmer der Kleinen ein.

Dass die Länder darauf bestehen, weiter uneins zu sein, ruft erwartungsgemäß Kritiker auf den Plan. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Heinz-Peter Meidinger sagt der Süddeutschen Zeitung: "Die Zeit, als man beim Überschreiten von Schwellenwerten auch mal von schärferen Hygienemaßnahmen an Schulen absehen konnte, ist vorbei, weil sich die Pandemie jetzt durch alle Bevölkerungsgruppen zieht." Auch der Deutsche Philologenverband verlangt "eine ganz klare Orientierung", das KMK-Stufenmodell müsse die Inzidenzwerte des RKI einbeziehen. Die Hamburger Schülervertretung ruft ebenfalls nach Masken im Unterricht und lässt am Wochenende vorsorglich Schüler und Schülerinnen abstimmen - über eine freiwillige Maskenpflicht. Der Gedanke: vorsichtiger sein, als die Politik es verlangt.

Immerhin: Hamburg verordnet Freitagmittag Masken im Unterricht für Berufs- und Oberstufenschüler. Auch ein Wink in Richtung KMK? "Lüften bleibt das A und O", sagt Stefanie Hubig und verweist auf den Rat des Umweltbundesamts, alle 20 Minuten die Fenster für drei bis fünf Minuten weit zu öffnen. Nicht alle Eltern dürfte dieser Tipp beruhigen.

Es sind im Moment vor allem die Mütter und Väter jüngerer Kinder, die noch Grund zur Zuversicht haben. Kitas und Grundschulen, das habe sich im bisherigen Pandemieverlauf gezeigt, seien keine wichtigen Infektionsherde. Das sagt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) am Freitag in Berlin: "Kinder sind nicht die Infektionstreiber". Sie spricht sich deshalb trotz bundesweit steigender Zahlen gegen flächendeckende Schließungen aus. Kitas und Schulen zuzusperren, dürfe nur das allerletzte Mittel sein.

Die Ministerin bezieht sich dabei auf die seit Mai laufende "Corona-Kita-Studie" von RKI und Deutschem Jugendinstitut. In den vergangenen Wochen hätten laut Studie weniger als ein Prozent der Kitas in Deutschland coronabedingt ganz oder teilweise schließen müssen, sagt Giffey. Die Zahl der gemeldeten Corona-Ausbrüche in den bundesweit rund 570 000 Kitas bewegte sich im einstelligen Bereich pro Woche. Ganze 79 Infektionen seien von Pandemiebeginn bis zum 12. Oktober in Kitas und Horten gemeldet worden.

Aber weder Giffey noch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wollen sich am Freitag auf einen Wert festlegen, ab dem sich diese Einschätzung ändern könnte. Mit Blick auf die Hotspot-Strategie von Bund und Ländern, die je nach Inzidenz abgestufte Maßnahmen vorsieht, sagt Spahn: Es gebe einen "sehr großen Konsens", so lange wie möglich beim Regelbetrieb zu bleiben. Es habe sich gezeigt, dass Kinder erst von 13 Jahren an einen relevanten Anteil an den Infektionen hätten. Dann aber gleicht sich das Infektionsrisiko an das der Erwachsenen an.

Grenze bleibt offen

Die Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland haben sich trotz der neuerlichen Einstufung der französischen Grenzregion als Corona-Risikogebiet gegen Einschränkungen im Grenzverkehr ausgesprochen. An keiner der Außengrenzen zu Frankreich, Luxemburg und Belgien könne das tägliche Leben, Arbeiten und Studieren durch einen kompletten Lockdown lahmgelegt werden, teilten Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD, Rheinland-Pfalz), Ministerpräsident Tobias Hans (CDU, Saarland) und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne, Baden-Württemberg) am Freitag mit. Als es im März zu Grenzschließungen kam, habe es noch keine Testungen und Nachverfolgungen von Infektionsketten gegeben. Man setze auf eine grenzüberschreitende Pandemiebekämpfung. dpa

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SZ vom 17.10.2020/berk
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