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Prüfungsaufgaben:Das mussten Bayerns Abiturienten 2019 wissen

(Foto: Illustration Jessy Asmus)
  • Die Abiturprüfungen 2019 in Bayern sind beendet.
  • Die SZ dokumentiert schriftliche Prüfungsaufgaben der Fächer Deutsch, Mathematik, Englisch, Französisch und Geschichte.
  • Dargestellt wird eine Auswahl der Prüfungsaufgaben, um einen Eindruck des Schwierigkeitsgrades zu vermitteln. Angaben ohne Gewähr.

Deutsch

a) Interpretieren Sie den folgenden Ausschnitt aus Hugo von Hofmannsthals Drama Elektra! Arbeiten Sie dabei insbesondere heraus, wie die beiden Töchter mit der durch die Ermordung des Vaters ausgelösten Situation umgehen!

b) Zeigen Sie ausgehend von Ihren Ergebnissen vergleichend auf, wie in einem anderen literarischen Werk die Reaktion auf eine erschütternde Erfahrung gestaltet wird!

Der Schwerpunkt der Aufgabenstellung liegt auf Teilaufgabe a).

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Vorbemerkung

Hugo von Hofmannsthals Tragödie greift einen berühmten mythologischen Stoff auf und basiert auf folgender Vorgeschichte: Um den Beistand der Götter für den Kriegszug nach Troja zu erlangen, ist der griechische König und Feldherr Agamemnon bereit, seine älteste Tochter Iphigenie auf dem Altar der Göttin Artemis zu opfern. Dieses Opfer rächt seine Frau Klytämnestra gemeinsam mit ihrem Liebhaber Ägisth, indem sie Agamemnon nach dessen Rückkehr aus dem Krieg tötet. Agamemnons Sohn Orest wird daraufhin zu seinem eigenen Schutz heimlich aus dem Palast gebracht, die Töchter Elektra und Chrysothemis stehen unter Hausarrest.

Einige Jahre später - hier setzt das Drama ein - leben die inzwischen herangewachsenen Schwestern immer noch eingesperrt in einem abgeschotteten Teil des Palastes, nicht zuletzt weil Elektra nicht aufhört, den Mord am Vater lauthals zu beklagen und beständig anzuprangern. Kurz nach Beginn der Dramenhandlung steht folgender Dialog.

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Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)

Elektra.

Tragödie in einem Aufzug frei nach Sophokles (Uraufführung 1903; Orthografie und Interpunktion nach der Werkausgabe von 1979)

[...]

CHRYSOTHEMIS die jüngere Schwester, steht in der Haustür. Sie sieht angstvoll auf Elektra, ruft leise Elektra! Elektra fährt zusammen, wie der Nachtwandler, der seinen Namen rufen hört. Sie taumelt. Ihre Augen sehen um sich, als fänden sie sich nicht gleich zurecht. Ihr Gesicht verzerrt sich, wie sie die ängstliche Miene der Schwester ansieht. Chrysothemis steht an die Türe gedrückt.

ELEKTRA: Ah, das Gesicht!

CHRYSOTHEMIS: Ist mein Gesicht dir so verhaßt?

ELEKTRA: Was willst du? Rede, sprich, ergieße dich, / dann geh und laß mich!

Chrysothemis hebt wie abwehrend die Hände.

ELEKTRA: Was hebst du die Hände? / So hob der Vater seine beiden Hände, / da fuhr das Beil hinab und spaltete / sein Fleisch. Was willst du, Tochter meiner Mutter?

CHRYSOTHEMIS: Sie haben etwas Fürchterliches vor.

ELEKTRA: Die beiden Weiber?

CHRYSOTHEMIS: Wer?

ELEKTRA: Nun, meine Mutter / und jenes andre Weib, die Memme, ei / Ägisth, der tapfre Meuchelmörder, er, / der Heldentaten nur im Bett vollführt. / Was haben sie denn vor?

CHRYSOTHEMIS: Sie werfen dich / in einen Turm, wo du von Sonn und Mond / das Licht nicht sehen wirst.

Elektra lacht.

CHRYSOTHEMIS: Sie tuns, ich weiß es, / ich habs gehört.

ELEKTRA: Mir ist, i c h hätts gehört. / Wars nicht bei Tisch, so bei der letzten Schüssel? / Da hebt er gern die Stimm und prahlt, ich wette, / es nützt seiner Verdauung.

CHRYSOTHEMIS: Nicht bei Tisch. / Nicht um zu prahlen. Er und sie, allein / bereden sies.

ELEKTRA: Allein? Wie hast dann du / es hören können?

CHRYSOTHEMIS: An der Tür, Elektra.

ELEKTRA: Mach keine Türen auf in diesem Haus! / Gepreßter Atem, pfui! und Röcheln von Erwürgten, / nichts andres gibts in diesen Kammern. Laß / die Tür, dahinter du ein Stöhnen hörst: / sie bringen ja nicht immer einen um, / zuweilen sind sie auch allein zusammen! / Mach keine Türen auf! Schleich nicht herum. / Sitz an der Erd wie ich und wünsch den Tod / und das Gericht herbei auf sie und ihn.

CHRYSOTHEMIS: Ich kann nicht sitzen und ins Dunkel starren / wie du. Ich habs wie Feuer in der Brust, / es treibt mich immerfort herum im Haus, / in keiner Kammer leidets mich, ich muß / von einer Schwelle auf die andre, ach! / treppauf, treppab, mir ist, als riefʼ es mich, / und komm ich hin, so stiert ein leeres Zimmer / mich an. Ich habe solche Angst, mir zittern / die Knie bei Tag und Nacht, mir ist die Kehle / wie zugeschnürt, ich kann nicht einmal weinen, / wie Stein ist alles! Schwester, hab Erbarmen!

ELEKTRA: Mit wem?

CHRYSOTHEMIS Du bist es, die mit Eisenklammern / mich an den Boden schmiedet. Wärst nicht du, / sie ließen uns hinaus. Wär nicht dein Haß, / dein schlafloses unbändiges Gemüt, / vor dem sie zittern, ah, so ließen sie / uns ja heraus aus diesem Kerker, Schwester! / Ich will heraus! Ich will nicht jede Nacht / bis an den Tod hier schlafen! Eh ich sterbe, / will ich auch leben! Kinder will ich haben, / bevor mein Leib verwelkt, und wärs ein Bauer, / dem sie mich geben, Kinder will ich ihm / gebären und mit meinem Leib sie wärmen / in kalten Nächten, wenn der Sturm die Hütte / zusammenschüttelt! Aber dies ertrag ich / nicht länger, hier zu lungern bei den Knechten / und doch nicht ihresgleichen, eingesperrt / mit meiner Todesangst bei Tag und Nacht! / Hörst du mich an? Sprich zu mir, Schwester!

ELEKTRA: Armes / Geschöpf!

CHRYSOTHEMIS: Hab Mitleid mit dir selber und mit mir. / Wem frommt denn diese Qual? Dem Vater etwa? / Der Vater, der ist tot. Der Bruder kommt nicht heim. / Du siehst ja doch, daß er nicht kommt. Mit Messern / gräbt Tag um Tag in dein und mein Gesicht / sein Mal, und draußen geht die Sonne auf / und ab, und Frauen, die ich schlank gekannt hab, / sind schwer von Segen, mühen sich zum Brunnen / und heben kaum den Eimer, und auf einmal / sind sie entbunden ihrer Last und kommen / zum Brunnen wieder und aus ihnen selber / rinnt süßer Trank, und säugend hängt ein Leben / an ihnen, und die Kinder werden groß - / und immer sitzen wir hier auf der Stange / wie angehängte Vögel, wenden links / und rechts den Kopf, und niemand kommt, kein Bruder, / kein Bote von dem Bruder, nicht der Bote / von einem Boten, nichts! Viel lieber tot, / als leben und nicht leben. Nein, ich bin / ein Weib und will ein Weiberschicksal.

ELEKTRA: Pfui, / dieʼs denkt, pfui, dieʼs mit Namen nennt! Die Höhle / zu sein, drin nach dem Mord dem Mörder wohl ist; / das Tier zu spielen, das dem schlimmern Tier / Ergetzung bietet. Ah, mit einem schläft sie, / preßt ihre Brüste ihm auf beide Augen / und winkt dem zweiten, der mit Netz und Beil / hervorkriecht hinterm Bett.

CHRYSOTHEMIS: Du bist entsetzlich!

ELEKTRA: Warum entsetzlich? Bist du solch ein Weib? / Du willsts erst werden.

CHRYSOTHEMIS: Kannst du nicht vergessen? / Mein Kopf ist immer wüst. Ich kann von heut / auf morgen nichts behalten. Manchmal lieg ich / so da, dann bin ich was ich früher war, / und kanns nicht fassen, daß ich nicht mehr jung bin. / Wo ist denn alles hingekommen, wo denn? / Es ist ja nicht ein Wasser, das vorbeirinnt, / es ist ja nicht ein Garn, das von der Spule / herunter fliegt und fliegt, ich bins ja, ich! / Ich möchte beten, daß ein Gott ein Licht / mir in der Brust anstecke, daß ich mich / in mir kann wiederfinden! Wär ich fort, / wie schnell vergäß ich alle bösen Träume -

ELEKTRA: Vergessen? Was! bin ich ein Tier? vergessen? / Das Vieh schläft ein, von halbgefreßner Beute / die Lefze noch behängt, das Vieh vergißt sich / und fängt zu käuen an, indes der Tod / schon würgend auf ihm sitzt, das Vieh vergißt, / was aus dem Leib ihm kroch, und stillt den Hunger / am eignen Kind - ich bin kein Vieh, ich kann nicht vergessen!

CHRYSOTHEMIS: Oh, muß meine Seele immer / von dieser Speise essen, die ihr widert, / die ihr so widert! die zu riechen nur / sie schaudert, die sie nie und nimmer hätte / anrühren sollen, nie und nimmer wissen, / daß es so etwas Grauenvolles gibt, / nie wissen! nie mit Augen sehn! nie hören! / Das Fürchterliche ist nicht für das Herz / des Menschen! Wenn es kommt, wenn es sich anzeigt, / so muß man flüchten aus den Häusern, flüchten / in die Weingärten, flüchten auf die Berge! / und steigt es auf die Berge, muß man wieder / herab und sich verkriechen in den Häusern: / nie darf man bei ihm bleiben, nie mit ihm / in einem Hause sein! Ich will hinaus! / Ich will empfangen und gebären Kinder, / die nichts von diesem wissen, meinen Leib / wasch ich in jedem Wasser, tauch mich tief / hinab in jedes Wasser, alles wasch ich / mir ab, das Hohle meiner beiden Augen / wasch ich mir rein - sie sollen sich nicht schrecken, / wenn sie der Mutter in die Augen schaun!

ELEKTRA höhnisch: Wenn sie der Mutter in die Augen schaun! / Und wie schaust du dem Vater in die Augen?

CHRYSOTHEMIS: Hör auf!

ELEKTRA: Ich wünsch dir, wenn du Kinder hast, / sie mögen an dir tun, wie du am Vater!

Chrysothemis weint auf.

ELEKTRA: Was heulst du? Fort! Hinein! Dort ist dein Platz.

[...]