Schule Abi unter Verschluss

Viele Abituraufgaben werden der Öffentlichkeit nach den Prüfungen nicht zugänglich gemacht.

(Foto: dpa)

Längst gestellte Prüfungsfragen sind oft nicht öffentlich zugänglich. Warum eine Initiative das nun ändern will.

Von Paul Munzinger

Wissen ist Macht, auch in der Schule. Wer die Wurzel aus 49 kennt, hat die Macht, seine Mathenote zu verbessern; wer weiß, auf welche Inseln Napoleon verbannt wurde, kann in Geschichte glänzen. Ungleich mächtiger ist freilich ein anderes Wissen - nämlich, ob Napoleon oder die Wurzel aus 49 in der nächsten Prüfung überhaupt vorkommen. Solches Wissen gleicht einem Blick in die Zukunft, weshalb die Schulen - und über ihnen die Politik - es nicht gerne teilen. In Baden-Württemberg mussten 2017 Abiturprüfungen eingestampft werden, weil Unbekannte einen Schultresor aufgebrochen hatten, in dem die Aufgaben lagen. Dieses Jahr werden sie digital verteilt und ausgedruckt.

Nun könnte man meinen, dass Abituraufgaben im Moment, in dem das Blatt dem letzten Schüler am Prüfungstag unter dem Stift weggezogen wird, höchstens noch zum Fische-Einwickeln taugen. Doch die Bundesländer, die in der Bildung das Sagen haben, teilen auch den Blick in die Vergangenheit nur ungern. Viele Abiturprüfungen bleiben Verschlusssache, auch wenn sie längst geschrieben sind. Eine Initiative mit dem holprigen Namen "Frag sie Abi" will das ändern: Sie fordert die Länder auf, alle verbrauchten Prüfungsaufgaben ins Internet zu stellen.

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Hinter "Frag sie Abi" stehen zwei Organisationen: Wikimedia Deutschland, das sich "Gesellschaft zur Förderung freien Wissens" nennt und dies vor allem im Internetlexikon Wikipedia verwirklicht, sowie "Fragdenstaat". Die Plattform will Bürger ermutigen, sich ihnen zustehende Informationen zu beschaffen. Aus Sicht von Projektleiter Arne Semsrott gehören dazu Abituraufgaben und ihre Lösungen. Die Öffentlichkeit habe ein Recht darauf: Sie bezahle sie die Lehrer, welche die Prüfungen verfassen.

In den Bildungsministerien stoßen diese Argumente auf Verständnis. Einer Veröffentlichung stehe aber das Urheberrecht im Weg. Viele Aufgaben enthielten Bilder oder Texte, die nicht dem Staat gehören - eine historische Karikatur, einen Artikel aus Le Monde. Das war immer so, sei aber mehr geworden, seit Schulen sich der Kompetenzorientierung verschrieben haben. Die will Wissen nicht nur abfragen, sondern angewendet sehen und lechzt nach Material. Alle Länder haben das Urheberrechtsproblem, handhaben es aber unterschiedlich. Aus Bayerns Kultusministerium heißt es, man würde die Prüfungen gern mit allen teilen, aber wegen Fremdinhalten gehe das nicht immer. In Mathe und Physik stehen die Prüfungen 2010 bis 2018 online, wie Fragdenstaat lobt. Die anderen gebe es auf Anfrage - im Zweifel geschwärzt oder mit Lücken.

In Hessen oder Nordrhein-Westfalen stellt man die Aufgaben Schulen zur Verfügung, zu Übungszwecken. Und dann werden sie verkauft - an Verlage, die sie als Bücher vermarkten. "Das kann doch nicht sein", sagt Transparenzaktivist Semsrott: "Dass Schüler für Informationen bezahlen müssen, die der Steuerzahler bereits bezahlt hat." In Hessens Kultusministerium betont man, die Bücher kosteten nur zehn bis 15 Euro. Und Schüler könnten sich die Aufgaben auch in der Schule besorgen. Die Aufgaben schon. Aber die Lösungen kriegen nur die Lehrer.

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