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Schulanfang:So richtig Mensch kann man nur außerhalb der Schule sein

Nimmt man diese Szene zusammen mit der restlichen Handlung des Films, so vermittelt die Fortsetzung der extrem erfolgreichen Schulkomödie allen interessierten Eltern folgende Botschaften: So richtig Mensch kann man nur außerhalb des Klassenraums sein. Nur Allianzen gegen das pädagogische System bringen einen weiter. Ein Gymnasium - in "Fack ju Göhte 2" konkurriert ein Gymnasium mit fiesen Methoden um eine bedürftige Partnerschule, die fürs Image gut ist -, ein Gymnasium ist eine Einrichtung ausschließlich für superreiche Schüler und heuchlerische, überhebliche, karrieristische Lehrer. Und grundsätzlich: Das ganze Schulwesen hierzulande ist kompletter Schrott.

Für Eltern von Schulkindern hat der Film somit, mehr noch als der erste Teil, eine doppelte Entlastungsfunktion: Zuerst können sie sich als Zuschauer, ihr Smartphone immer griffbereit in der Tasche, schenkelklopfend über die mediale Verwahrlosung und die Grammatikfehler eines Unterschichtenmädchens namens Chantal erheben - meine Güte, andere Leute haben's ja auch nicht leicht! Und danach können sie um so bestärkter wieder über den Zustand der Schule losjammern, welche ihren bedauernswerten, aber Gott sei Dank nicht ganz so asozialen Kindern zusetzt.

Unterstützung bei diesen Klagen erfährt man in Deutschland leicht: im privaten Umgang, von Leitartikeln in der FAZ, die nichts als Niedergang beschwören, oder auch von Philosophen wie Peter Sloterdijk. Der moniert, dass die Schule heute "weder Bürger noch Persönlichkeiten" hervorbringe. "Jahr für Jahr entlässt sie mehr und mehr desorientierte Schülerkohorten."

Holen Sie Luft, treten Sie einen Schritt zurück

Da empfiehlt es sich vielleicht, mal kurz Luft zu holen und einen Schritt zurückzutreten. So könnte der Blick auf Schulwelten in der Ferne fallen, die ganz andere Probleme haben. In der einen Richtung sieht man dann die angelsächsische Welt mit ihren extremen sozialen Unterschieden im Bildungswesen, insbesondere das britische Schulsystem.

Dort richten viele Mittelklasse-Familien nicht die Wahl der Schule nach ihrem Wohnort, sondern sie ziehen umgekehrt dorthin, wo die Kinder eine gute Ausbildung bekommen könnten. Und wenn es anschließend um die höhere Stufe nach der Grundschule geht, versuchen sie verzweifelt, in die wenigen staatlichen Schulen hineinzukommen, die einen guten Ruf haben; andernfalls zahlen sie für den Platz an einer Privatschule den Gegenwert eines Kompakt- bis Mittelklasse-Autos, und zwar für jedes Kind, jedes Jahr.

Je mehr man für so eine Schule zahlt, desto länger sind dort die Ferien. Und mit dem Abschluss sind die Ausbildungskosten noch nicht beglichen: Amerikanische Eltern sparen Unsummen fürs College, und in Großbritannien kostet ein Studienplatz etwa 12 000 Euro pro Jahr, während die moderaten Studiengebühren in Deutschland gerade wieder abgeschafft wurden.

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