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Schulabbrecher:Die Abgehängten von morgen

Selbst mit einem Hauptschulabschluss wird es zunehmend schwierig, einen Ausbildungsplatz zu bekommen.

(Foto: Catherina Hess)

Eine Untersuchung des DGB zeigt: Jugendliche verlassen die Schule häufiger als früher ohne Abschluss - gleichzeitig stehen ihnen weiterhin aber kaum Lehrstellen offen. Eine heikle Situation.

Von Bernd Kramer

Da entwickelt sich offenbar etwas gefährlich auseinander: Immer mehr Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss - und gleichzeitig bieten sich für die Schulabbrecher auf dem Ausbildungsmarkt immer weniger Perspektiven. Eine ganze Gruppe junger Menschen droht damit abgehängt zu werden. Das ergibt sich aus einer Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), die der Süddeutschen Zeitung vorab vorliegt. Der DGB prüft regelmäßig, was aus den ehrgeizigen Zielen geworden ist, die sich Bund und Länder vor inzwischen elf Jahren auf dem sogenannten Dresdener Bildungsgipfel gesteckt hatten.

Eines der Ziele lautete damals: Die Zahl der Schulabbrecher in Deutschland soll sinken; bis 2015 wollte man die Quote auf vier Prozent halbieren. Sie sank dann tatsächlich - nur geht sie seither wieder in die Höhe. Zuletzt lag sie bei 6,8 Prozent. Auf die steigende Zahl der Schulabbrecher hatte im Sommer bereits der Caritas-Verband aufmerksam gemacht - und die Zuwanderung seit dem Jahr 2015 als eine Erklärung benannt. Vielen jungen Geflüchteten falle es schwer, die Sprache zu lernen und gleichzeitig die Schule erfolgreich zu beenden.

Ohne Abschluss sind allerdings die Perspektiven auf dem Lehrstellenmarkt düster. Die DGB-Autoren haben die Zahl der Schulabbrecher dafür nun den Ausbildungsplätzen gegenübergestellt, die dieser Gruppe offenstehen. Dafür werteten die beiden Autoren Matthias Anbuhl und Klaus Klemm aus, wie viele Lehrstellen zum Stichtag Anfang Dezember für diese Gruppe in der bundesweiten Lehrstellenbörse des Deutschen Industrie- und Handelskammertages ausgeschrieben waren. Das Ergebnis: Von etwa 96 Prozent aller Angebote waren Schulabbrecher ausgeschlossen. Im März 2015 waren es mit 96,3 Prozent ähnlich viele - nur dass damals auch die Zahl der Schulabbrecher geringer war. Die Schule ohne Abschluss zu verlassen, schreiben die Autoren daher, komme "für die überwältigende Mehrheit dieser jungen Menschen einem Ausschluss von Berufsausbildung gleich".

Und selbst mit einem Hauptschulabschluss wird es zunehmend schwierig, eine Ausbildung zu bekommen: Auf gut 64 Prozent der Stellen können sich Jugendliche trotz eines einfachen Schulabschlusses nicht bewerben; das Hauptschulzeugnis reicht den Betrieben nicht mehr aus. 2015 waren Hauptschulabgänger erst von 61,6 Prozent der ausgeschriebenen Lehrstellen explizit ausgeschlossen.

"Unser Bildungssystem ist mittelmäßig und ungerecht", kritisiert die Vize-Chefin des DGB

Das dürfte erklären, warum so viele junge Menschen bis zum Alter von 30 in Deutschland keinen Berufsabschluss erreichen: Knapp 1,5 Millionen waren es im Jahr 2018, die keine beendete Ausbildung vorweisen konnten; diejenigen, die sich in einer Lehre oder einem Studium befanden, sind dabei ausgeklammert. Der Anteil der unter 30-Jährigen ohne abgeschlossene Ausbildung liegt damit bei gut 15 Prozent - was nur unwesentlich weniger ist als zehn Jahre zuvor.

Die Aufbruchstimmung, die einst vom Dresdener Gipfel ausging, als die Bundeskanzlerin Angela Merkel Deutschland zur "Bildungsrepublik" machen wollte - sie ist aus Sicht des DGB längst verflogen. Davon kündet die jüngste Pisa-Studie, deren Ergebnisse die Autoren in eine Reihe mit denen vorangegangener nationaler Bildungsvergleiche stellen: Im vergangenen Jahrzehnt haben sich die Schülerleistungen im Durchschnitt nicht mehr wesentlich verbessert. Und auch gerechter wurden die Schulen nicht gerade. Der Abstand zwischen den Leistungen der Schülerinnen und Schüler aus besonders privilegierten und besonders benachteiligten Familien ist über die Jahre in den verschiedenen Studien in etwa gleich groß geblieben. "Unser Bildungssystem ist mittelmäßig und ungerecht", folgert DGB-Vize Elke Hannack und bemängelt, dass Bayern und Baden-Württemberg kürzlich den Nationalen Bildungsrat haben scheitern lassen. In dem Gremium hätte die Politik sich über Standards und mehr Vergleichbarkeit bei den Abschlüssen verständigen können. "Es darf nicht sein, dass die Länder ihr Kompetenzgerangel auf dem Rücken der jungen Generationen austragen."

© SZ vom 13.12.2019/berk
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