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Schüler und Sexualität:"Die Polizei hineinzuziehen ist ein schwieriger Schritt"

Was können Schüler tun, um sich zu schützen?

Wenn etwas passiert ist: nicht schweigen, sondern sich mitteilen und Unterstützung suchen, etwa beim Vertrauenslehrer. Teilweise gibt es an Schulen für sexuelle Themen ausgebildete Fachkräfte, ansonsten sollte man ein Notfalltelefon nutzen oder enge Freunde ansprechen, denen man vertraut.

Sie haben die Polizei jetzt bewusst gar nicht erwähnt?

Die Polizei hineinzuziehen ist ein schwieriger Schritt. Die Hemmschwelle, sie einzuschalten, ist oft hoch. Das möchten viele Schüler nicht.

Was kann die Schule tun, um sexuelle Übergriffe zu verhindern?

Entscheidend sind eine vernünftige Offenheit bei sexuellen Themen und Aufklärungsarbeit. Es sollte an jeder Schule einen Ansprechpartner für Sexualkultur geben, etwa für Fälle sexueller Gewalt aber auch für Sexualpädagogik. Hierzu müssen Lehrer pädagogisch fortgebildet werden. Sexualität muss ein Querschnittsthema werden und nicht nur in der Biologie behandelt werden. Die Literatur bietet viele Ansatzpunkte, aber auch der Geschichtsunterricht, wo man sich über die Rolle der Frau und ihrer Sexualität im Laufe der Jahrhunderte austauschen kann.

1990 gab es noch klare Unterschiede zwischen Ost und West. Ost-Jugendliche wurden offenbar weniger bedrängt als die im Westen. Inzwischen gleicht man sich auch bei den Delikten an.

Ja. Jetzt durchlaufen die Jugendlichen eine ähnliche Sozialisation, es lässt sich kein Pauschalunterschied mehr feststellen. Große Unterschiede gibt es stattdessen zu marginalisierten Gruppen, etwa bei Jugendlichen aus Migrantenfamilien, wo sich Übergriffe mit Rassismus vermischen. Zum Beispiel lesbische oder schwule Jugendliche mit Migrationshintergrund: Für mehrheitsdeutsche Jugendliche gibt es passende Beratungsangebote, für Jugendliche mit Migrationshintergrund nicht. Das fängt schon bei der Werbung der Beratungsstellen an, auf der nur weiße Pärchen zu sehen sind. Und es geht weiter bei Problemen, die vor allem Migranten haben: Wenn sie von zu Hause ausziehen wollen, finden sie viel seltener eine Wohnung.

Sollte man im Umgang mit den neuen Medien und sexuellen Grenzüberschreitungen auf Verbote setzen?

Von Verboten halte ich wenig. Es gibt immer Wege, sie zu umgehen, aber sie sind auch nicht hilfreich. Die Menschen sind sexuell, sie suchen sich andere Wege. Smartphones wegnehmen hilft nichts.

Internet und Smartphones sind ja nicht nur Teufelszeug, sondern auch eine willkommene Plattform um sich auszuprobieren - sollten sich Eltern da nicht etwas entspannen?

Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Eltern sollten damit sehr entspannt umgehen. Internet und Smartphones, sogar Cybersex sind heute normal. Es muss darum gehen, die Medienkompetenz zu stärken, also den bewussten Umgang mit den Medien zu schulen. Zum Beispiel, beim Austausch erotischer Aufnahmen vorsichtig zu sein. Da können sogar strafrechtliche Konsequenzen drohen. Bei sexueller Gewalt haben wir im Kopf das Bild vom bösen Mann, der draußen die Kinder wegfängt. Die meisten Strafverfahren wegen Jugendpornografie aber gibt es gegen Jugendliche.

Zur Person

Heinz-Jürgen Voß forscht an der Hochschule Merseburg über sexuelle Bildung und den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Traumatisierung. Der Professor beschäftigt sich zudem mit dem Umgang mit Homosexualität.

© SZ vom 18.08.2014/jobr
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