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Schüler und Sexualität:"Die meisten Grenzverletzungen finden zwischen Gleichaltrigen statt"

Schüler und Sexualität

Aufklärungsstunden sind für Lehrer oft eine peinliche Sache: In dieser Münchner Realschulklasse dürfen Jugendliche Begriffe sammeln - auch vulgäre.

(Foto: Hannes Vollmuth)

Nacktbilder, Anmache, Mobbing: Das Internet erleichtert sexuelle Übergriffe unter Schülern. Sexualforscher Heinz-Jürgen Voß über die Motive jugendlicher Täter, Gegenmaßnahmen - und warum Eltern beim Thema Cyber-Sex entspannt reagieren sollten.

Von Roland Preuß

SZ: Herr Professor Voß, ist jetzt eine besonders gefährliche Zeit für Jugendliche? Viele sexuelle Übergriffe finden in Ferienlagern oder bei Freizeitaktivitäten statt, viel mehr als in der Schule.

Heinz-Jürgen Voß: Besonders gefährlich würde ich das nicht nennen, auch wenn Übergriffe tatsächlich am zweithäufigsten in der Freizeit geschehen. Mir fällt in der Gesellschaft vielmehr eine Diskussion auf, die Sexualität von Jugendlichen als Problem darstellt. Dadurch nimmt man ihnen Möglichkeiten, offen über das Thema zu sprechen. Immer wenn es Heimlichkeiten gibt, entstehen auch Gelegenheiten für Mobbing oder Erpressung. Offenheit ist wichtig, um Übergriffe zu verhindern.

Nur wenn ich Sexuelles offen ansprechen kann, kann ich mich verteidigen?

Ja, das ist ein Grundprinzip der Pädagogik. Grenzüberschreitungen finden vor allem dort statt, wo das Thema tabuisiert wird. Offenheit ist Teil einer guten Sexualkultur.

Die jüngste Studie Ihres Instituts hat einen Anstieg sexueller Übergriffe unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen festgestellt. Wo liegen die Ursachen?

Die Studie bezieht sich auf ostdeutsche Jugendliche. Unter ihnen werden in Bezug auf sexuelle Übergriffe jetzt allmählich die Werte erreicht, die auch im Westen festgestellt werden. Mögliche Erklärungen müsste man genauer diskutieren. Es hängt womöglich mit einem anderen Verständnis von Gewalt zusammen, also die Frage ist, was als Gewalt und Grenzverletzung empfunden wird. Zudem gab es eine stärkere soziale Kontrolle in der DDR, was Übergriffe verhindert haben könnte. So existierten zum Beispiel soziale Dienste, es gab regelmäßige Gesundheitsuntersuchungen und Hausbesuche durch Lehrer, bei denen es eine Gelegenheit gab, Übergriffe festzustellen oder darüber zu sprechen.

Enthemmt im Netz

Mit der Verbreitung des Internets hat die Zahl der sexuellen Übergriffe auf junge Menschen deutlich zugenommen, zumindest in Ostdeutschland. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die Forscher der Hochschule Merseburg in Sachsen-Anhalt vor kurzem auf einem wissenschaftlichen Kolloquiums vorgestellt haben. Von fast 1000 befragten Jugendlichen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen berichteten 45 Prozent der Mädchen und 14 Prozent der Jungen, sie seien im Internet sexuell belästigt worden. Insgesamt erlebten 59 Prozent der Mädchen und 23 Prozent der Jungen sexuelle Gewalt in irgendeiner Form. 1990 hatten erst 36 Prozent der Mädchen und 7 Prozent der Jungen in Ostdeutschland eine derartige Erfahrung gemacht. In ihrer Freizeit, etwa im Sportverein oder Ferienlager, erlebten nach der neuen Befragung 26 Prozent der Mädchen und 6 Prozent der Jungen sexuelle Übergriffe. Sexuelle Belästigung in der Schule meldeten darin 10 Prozent der Mädchen und 5 Prozent der Jungen.

Wie sehen typische sexuelle Übergriffe auf Jugendliche konkret aus?

Das ist sehr vielschichtig. In den neuen Medien wie dem Internet geht es vor allem um sexuelles Mobbing. Fotos werden mit Beleidigungen ins Internet gestellt. Das müssen gar keine Nacktaufnahmen sein. Aber wenn so etwas in Foren passiert, wo sexuelle Kontakte angebahnt werden, kann dies gravierend sein. Die Jugendlichen müssen sich ja erst selbst finden. Solches Mobbing ist kein neues Phänomen, sondern ein neuer Schauplatz. Aus den Medien kennt man vor allem Pädophile, die sich im Netz herumtreiben. Die meisten Grenzverletzungen aber finden zwischen Gleichaltrigen statt, die sich ausprobieren. Sie müssen die Grenzen erst lernen.

Welche Taten geschehen in den Schulen? Ist es die Gewalt in der Schultoilette, über die es immer wieder Berichte gibt?

Darüber wird sehr viel gesprochen, wegen der Übergriffe in Internaten. Was ich für die neuen Medien gesagt habe, zeigt sich auch für die Schule. Wenn Jugendliche in einer Beziehung waren, sich trennen und dann einer der Expartner erotische Fotos weitergibt. Das ist typisch. Grapschen spielt eine Rolle, ebenso handfeste Gewalt. Eine Vergewaltigung auf der Toilette aber ist der extreme Einzelfall.

"Die Polizei hineinzuziehen ist ein schwieriger Schritt"

Was können Schüler tun, um sich zu schützen?

Wenn etwas passiert ist: nicht schweigen, sondern sich mitteilen und Unterstützung suchen, etwa beim Vertrauenslehrer. Teilweise gibt es an Schulen für sexuelle Themen ausgebildete Fachkräfte, ansonsten sollte man ein Notfalltelefon nutzen oder enge Freunde ansprechen, denen man vertraut.

Sie haben die Polizei jetzt bewusst gar nicht erwähnt?

Die Polizei hineinzuziehen ist ein schwieriger Schritt. Die Hemmschwelle, sie einzuschalten, ist oft hoch. Das möchten viele Schüler nicht.

Was kann die Schule tun, um sexuelle Übergriffe zu verhindern?

Entscheidend sind eine vernünftige Offenheit bei sexuellen Themen und Aufklärungsarbeit. Es sollte an jeder Schule einen Ansprechpartner für Sexualkultur geben, etwa für Fälle sexueller Gewalt aber auch für Sexualpädagogik. Hierzu müssen Lehrer pädagogisch fortgebildet werden. Sexualität muss ein Querschnittsthema werden und nicht nur in der Biologie behandelt werden. Die Literatur bietet viele Ansatzpunkte, aber auch der Geschichtsunterricht, wo man sich über die Rolle der Frau und ihrer Sexualität im Laufe der Jahrhunderte austauschen kann.

1990 gab es noch klare Unterschiede zwischen Ost und West. Ost-Jugendliche wurden offenbar weniger bedrängt als die im Westen. Inzwischen gleicht man sich auch bei den Delikten an.

Ja. Jetzt durchlaufen die Jugendlichen eine ähnliche Sozialisation, es lässt sich kein Pauschalunterschied mehr feststellen. Große Unterschiede gibt es stattdessen zu marginalisierten Gruppen, etwa bei Jugendlichen aus Migrantenfamilien, wo sich Übergriffe mit Rassismus vermischen. Zum Beispiel lesbische oder schwule Jugendliche mit Migrationshintergrund: Für mehrheitsdeutsche Jugendliche gibt es passende Beratungsangebote, für Jugendliche mit Migrationshintergrund nicht. Das fängt schon bei der Werbung der Beratungsstellen an, auf der nur weiße Pärchen zu sehen sind. Und es geht weiter bei Problemen, die vor allem Migranten haben: Wenn sie von zu Hause ausziehen wollen, finden sie viel seltener eine Wohnung.

Sollte man im Umgang mit den neuen Medien und sexuellen Grenzüberschreitungen auf Verbote setzen?

Von Verboten halte ich wenig. Es gibt immer Wege, sie zu umgehen, aber sie sind auch nicht hilfreich. Die Menschen sind sexuell, sie suchen sich andere Wege. Smartphones wegnehmen hilft nichts.

Internet und Smartphones sind ja nicht nur Teufelszeug, sondern auch eine willkommene Plattform um sich auszuprobieren - sollten sich Eltern da nicht etwas entspannen?

Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Eltern sollten damit sehr entspannt umgehen. Internet und Smartphones, sogar Cybersex sind heute normal. Es muss darum gehen, die Medienkompetenz zu stärken, also den bewussten Umgang mit den Medien zu schulen. Zum Beispiel, beim Austausch erotischer Aufnahmen vorsichtig zu sein. Da können sogar strafrechtliche Konsequenzen drohen. Bei sexueller Gewalt haben wir im Kopf das Bild vom bösen Mann, der draußen die Kinder wegfängt. Die meisten Strafverfahren wegen Jugendpornografie aber gibt es gegen Jugendliche.

Zur Person

Heinz-Jürgen Voß forscht an der Hochschule Merseburg über sexuelle Bildung und den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Traumatisierung. Der Professor beschäftigt sich zudem mit dem Umgang mit Homosexualität.

© SZ vom 18.08.2014/jobr
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