Schüler mit Autismus "Inklusion? Dass ich nicht lache"

Melanie Böckmann, Oberteuringen: Daniel hat Asperger-Autismus mit ADS-Störung. Die Diagnose erhielten wir, als er in der 3. Klasse war. Daniel ist ein stilles Kind, er zeigt wenig Mimik, lacht kaum. Sprachlich ist er sehr gewandt, aber ihm fehlt Empathie. Er hat Mitschüler beschimpft, manche hat er richtig fertiggemacht. Daniel lässt sich leicht ablenken, die kleinsten Geräusche werfen ihn aus der Bahn. Eine Lehrerin hat ihn einmal mit dem Rücken zur Klasse aufs Lehrerpult gesetzt, damit er sich konzentriert. Er braucht klare Strukturen, Veränderungen überfordern ihn. Raumwechsel in der Schule zum Beispiel. Er verläuft sich, kommt zu spät, bekommt Ärger und weiß nicht warum.

Die Grundschule musste Daniel nach vier Monaten verlassen: "nicht beschulbar". Er kam auf eine Montessori-Schule, auch da hieß es schnell: "nicht beschulbar". Vor zwei Jahren kam er ans Gymnasium, innerhalb kürzester Zeit war er völlig fertig. Er krampfte, weinte, konnte nicht mehr schlafen, hat nicht mehr gegessen, wollte nicht mehr leben. Der Arzt sagte: Er muss da sofort raus. Er kam auf die Realschule, und wieder: "nicht beschulbar". Nach sechs Wochen der nächste Zusammenbruch, bei 1,50 Meter wog er noch 32 Kilo. Inklusion? Dass ich nicht lache.

Als ich einmal eine Vertrauenslehrerin darum bat, eine Schulbegleitung für Daniel zu beantragen, entgegnete sie: So eine Extrawurst machen wir hier nicht. Sonst habe ich mit Lehrern gute Erfahrungen gemacht. Autistische Schüler sind für die meisten Neuland, aber viele beschäftigen sich damit, wollen helfen, wollen lernen. Aber sie können das nicht leisten, mit 30 Kindern in einer Klasse. Im Schulsystem muss sich massiv etwas ändern, damit ein autistisches Kind auf eine Regelschule gehen kann. Daniel braucht kleine Klassen, Eins-zu-Eins-Betreuung, Rückzugsräume. Wo finde ich das an einer Regelschule?

Daniel geht jetzt in eine Förderschule für Körperbehinderte, aber es gibt dort auch andere Autisten. In seiner Klasse sind sieben Schüler, es gibt eine Ergotherapeutin, eine Psychotherapeutin, Sozialkompetenzgruppen. Daniel geht es gut, im Zeugnis hatte er keine einzige Vier. Aber er beschwert sich fürchterlich. "Was soll ich hier?", fragt er mich. Er fühlt sich zu normal für die Schule. Ich würde ihm gerne ermöglichen, noch einmal auf eine Regelschule zu gehen, auch wenn er das anders sieht. Er sagt, sein Leben wäre glücklich, wenn er nicht zur Schule gehen müsste. Im Moment bin ich einfach froh, dass es in der Schule funktioniert. Zum allerersten Mal haben wir ein wenig Ruhe in der Familie.

Sämtliche Namen wurden von der Redaktion geändert.