Schüler mit Autismus "Als würde man zu einem Rollstuhlfahrer sagen: Lauf!"

Ute Bruhns, Ronnenberg: In der ersten Klasse fing es an: Ben war ständig überreizt. Er lief weg, er schrie, hielt sich die Ohren zu, schlug um sich. Als der Schuldirektor ihn bei einem Wutanfall auf den Schoß nahm, biss er zu. Täglich rief die Schule bei uns an, um Ben abholen zu lassen. Wenn das Telefon klingelte, fing ich an zu zittern.

Wir gingen zu einer Kinderpsychotherapeutin. Ihr Verdacht: Asperger-Autismus. Wir gingen zu einem Psychiater. Seine Reaktion: Mit Asperger ist das Kind sofort stigmatisiert, wir versuchen es mit ADHS. Er verschrieb Ritalin. Die schlimmsten drei Wochen unseres Lebens begannen. Ben schlug uns, schrie uns an, wir würden ihm Gift geben. Völlig erschöpft setzten wir das Ritalin ab. In der Schule wurde es immer schlimmer. Als Ben einem Kind mit einem Stift ins Auge schlug, war klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Wir waren am Ende. Niemand wusste, was zu tun ist.

Kurz vor Ende der zweiten Klasse wechselte Ben auf eine Förderschule, er fügte sich gut ein. Als er acht war, erhielten wir die Diagnose: Asperger-Autismus. Doch die Probleme begannen von Neuem. Ben flippte aus, die Lehrer hielten ihn im Klammergriff fest. Sie wussten nicht, wie man mit einem autistischen Kind umgeht. Sie wollten, dass er sich ändert, aber das kann er nicht. Es ist, als würde man zu einem Rollstuhlfahrer sagen: "Lauf!"

Inklusion "Da wurde ein erfolgreiches System zerstört"
Inklusion

"Da wurde ein erfolgreiches System zerstört"

Thomas Binn hat jahrelang eine Grundschulklasse begleitet, in der Kinder mit und ohne Behinderung lernen. Sein Dokumentarfilm zeigt die Wirklichkeit der Inklusion.   Interview von Susanne Klein

Wir wollten Ben wieder auf eine normale Grundschule schicken. Die Schule im Nachbarort wollte keinen Autisten, wir fragten erneut bei der alten Grundschule an. Der Schulleiter, den Ben gebissen hatte, wollte ihn erst nicht aufnehmen. Doch die Lehrerin von Bens Bruder stellte sich sofort zur Verfügung. Sie sprach mit uns, bestellte sich Bücher über Autismus, las sich ein. Das Schuljahr lief gut.

Im Herbst ist Ben in die 5. Klasse einer Gesamtschule gekommen. Bislang geht alles gut. Wir haben ganz offen mit den Lehrern gesprochen. Ben wurden vier Wochenstunden mit einem Förderschullehrer bewilligt. Nur: Es findet sich kein Lehrer. Inklusion ist eine tolle Idee, aber so wie jetzt funktioniert sie nicht. Es gibt zu wenig Lehrer. Und es gibt keinen Plan.