Süddeutsche Zeitung

Schüler aus Regenbogenfamilien:"Wie ist das mit zwei Müttern?"

Kinder aus sogenannten Regenbogenfamilien müssen sich in der Schule oft gegen Vorurteile wehren - von Mitschülern, aber auch von Lehrern.

Manchmal hat Lisa all die Fragen satt. "Wie ist das mit zwei Müttern?", "Welche Mutter liebst du mehr?", löchern ihre Mitschüler sie. "Als ob sie das nicht längst wüssten. Irgendwann war ich total sauer", sagt die Zwölfjährige.

Regenbogenfamilien werden die Familien genannt, in denen die Eltern lesbisch, schwul, bisexuell oder transgender sind (Lesbian, Gay, Bisexual und Trans, kurz: LGBT). Laut den Erhebungen des Mikrozensus von 2010 wachsen in Deutschland 18.000 bis 21.000 Kinder in solchen Familien auf. In den Schulen gelten sie als Exoten. "Es gibt immer noch viele Vorurteile gegenüber Regenbogenfamilien, und auch den Lehrern fehlt es oft an Wissen und Offenheit", sagt Uli Streib-Brzic.

Vor allem die Erziehungsfähigkeit der Eltern werde angezweifelt. Viele meinen, Schwule oder Lesben würden ihren Nachwuchs dahin lenken wollen, selbst homosexuell zu werden. Auch die Kinder hören immer wieder von ihren Klassenkameraden, sie seien "schwul".

Diplomsoziologin Streib-Brzic beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Thematik und hat am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin zusammen mit einer schwedischen und slowenischen Universität die internationale Studie "School is out?! - Erfahrungen von Kindern aus Regenbogenfamilien in der Schule" durchgeführt. Lisa ist eine von 22 deutschen Schülern mit homosexuellen Eltern, die befragt wurden. Mit der Studie wollten die Forscher herausfinden, ob die Kinder Diskriminierungen in der Schule erleben und welche Strategien sie im Umgang damit entwickeln.

In der Regel sind die Kinder gut integriert und erfahren selten direkte Formen von Gewalt, so lautet ein Ergebnis der Studie. Allerdings erlebten oder befürchteten sie häufig, dass ihre Familienform von Mitschülern und Lehrern als Abweichung von einer "Hetero-Normalität" gesehen und tendenziell eher negativ bewertet werde. Als besonders störend empfindet nicht nur Lisa die ständigen Nachfragen: "Mitschüler setzen die Fragen dabei oft als Mittel ein, um sie zu blamieren oder zu etwas Komischem zu machen", erzählt Streib-Brzic. Das gängige Modell "Vater-Mutter-Kind" dient als Richtschnur, und Familienformen, die davon abweichen, gelten als nicht normal.

Anders, aber normal: So wollen Schulkinder aus Regenbogenfamilien sich wahrgenommen wissen. "Dieser Drang, als normal anerkannt zu werden, ist größer, als ihre Besonderheit herauszustellen. Dadurch verdecken sie jedoch vieles, was an Regenbogenfamilien einzigartig und toll ist", meint Streib-Brzic. Eine positive Besonderheit kann zum Beispiel sein, dass der Zusammenhalt zwischen den Eltern und ihrem Nachwuchs besser ist, weil sie durch die "feindliche Umgebung" zusammengeschweißt werden. Und, so eine weitere Erkenntnis der Forscher: "Kinder aus Regenbogenfamilien zeigen tendenziell eine höhere soziale Kompetenz und reagieren respektvoller auf Unterschiede."

Zwar gebe es auch Schüler, die sagten, okay, dann bin ich eben etwas ganz Besonderes, und ich bin stolz darauf, aber das seien die wenigsten. Einige verschwiegen ihre Familiensituation aus Angst vor negativen Kommentaren in der Schule sogar völlig. Die zehn Jahre alte Joyce gestand den Wissenschaftlern, dass sie ihre zweite Mutter nach außen als "Mitbewohnerin" oder als gar nicht zur Familie gehörig darstellt. Das ist verständlich in einer Welt, in der das, was nicht cool ist, oft als "schwul" bezeichnet wird.

Anders, aber normal

Dass Lehrer nicht angemessen auf homophobe Äußerungen reagieren, ärgert vor allem die jüngeren Regenbogenkinder, die sich stärker als die älteren mit ihren Eltern identifizieren. Die Schulzeit ist für sie oft ein Spagat zwischen Abgrenzung und Loyalität den eigenen Eltern gegenüber.

Gut ist es für sie, wenn die Eltern mit ihnen einüben, wie sie in unangenehmen Situationen reagieren und etwa ein Gespräch beenden können. Für die 16 Jahre alte Janne dient ihre Mutter als Vorbild und Ratgeber. Von ihr habe sie passende Konter gelernt, die sie einsetzt, wenn ihr jemand blöd kommt, erzählte sie den Forschern: "Dann sag' ich immer nur irgendeinen Spruch, und dann ist es gut." Wenn sie wirklich Interesse haben, gibt sie ihren Klassenkameraden aber gerne Auskunft.

Auch Fragen zur Zeugung werden thematisiert, denn naturgemäß ist es für homosexuelle Paare nicht einfach, Nachwuchs zu bekommen. Anders als etwa in den USA ist es schwulen Männern in Deutschland verboten, mithilfe einer Leihmutter eine Familie zu gründen. Und lesbischen Frauen ist es nach einer Richtlinie der Bundesärztekammer nicht gestattet, Samenbanken in Anspruch zu nehmen. Außerdem dürfen nur Einzelpersonen ein Kind adoptieren, nicht aber homosexuelle Paare gemeinsam.

Obwohl es vielen LGBT-Eltern unangenehm ist, empfiehlt ihnen Diplomsoziologin Streib-Brzic, sich in der Schule vorzustellen und ihre Familiensituation zu besprechen: "Das bringt für die Kinder die Entlastung, dass sie nicht überlegen müssen, ob, wann und wie sie sich outen sollen." Für die in der Studie zitierte lesbische Mutter Tanja ist das eine "blöde Situation": "Kein Mensch geht los und sagt: Ich bin heterosexuell, ich möchte hier mein Kind anmelden. Wir aber müssen immer und überall unsere Hosen runterziehen."

Anders als ihre Kinder, denen die vielen Nachfragen oft auf die Nerven fallen, wundern sich die Eltern häufig darüber, wie wenig Interesse andere Erwachsene und Lehrer an ihrer Lebensform äußern. Sie bemängeln auch, dass alternative Familienmodelle im Unterricht kein Thema seien. Arno, Vater zweier Kinder, merkt an, dass Homosexuelle zehn Prozent der Bevölkerung stellen. "Ich fände es toll, wenn auch in den Schulheften mal von hundert Seiten zehn Seiten anders laufen." Nämlich einmal nicht nach dem Schema "Frau wird Hausfrau, kriegt Kinder, und der Mann wird stark und kauft sich ein Auto".

Uli Streib-Brzic ist zuversichtlich, dass der Umgang mit dem Thema in den kommenden Jahren selbstverständlicher wird: "Es werden mehr Regenbogenkinder in die Schulen kommen, und die tun ja was dafür, dass sich etwas ändert." Schon jetzt ist die Reaktion auf Regenbogenfamilien nicht immer negativ. So fragte die Freundin der elf Jahre alten Amelie: "Kann ich mal zu dir nach Hause?" Zur Abwechslung zwei Mütter zu haben, meinte sie, das wär' doch was.

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SZ vom 06.12.2012/wolf
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