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Slawistik:Gefragt als professionelle "Russlandversteher"

  • Das Forschungsgebiet Slawistik fristete in den vergangenen Jahren in Deutschland ein Schattendasein.
  • Mit dem Ausbruch des Konfliktes in der Ukraine hat sich das geändert. Slawisten sind zu gefragten Experten geworden.
  • Wissenschaftliche und öffentliche Meinung fallen dabei durchaus auseinander.

Von Hannah Beitzer

Russlandversteher: Der Begriff ist zum Schimpfwort geworden in dem seit mehr als einem Jahr andauernden Konflikt um die Ukraine, der längst ein Krieg mit russischer Beteiligung ist. Als Russlandversteher bezeichnen die Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Deutschland ironisch alle, denen sie das Gegenteil dessen vorwerfen, was der Begriff im Wortsinn bedeutet. Nämlich die Absichten Putins gerade nicht zu verstehen, sondern sich aus emotionalen Gründen - Angst vor einem Krieg, diffuse Weltkriegs-Schuldgefühle oder Anti-Amerikanismus - im Ukraine-Krieg auf die Seite Russlands zu schlagen.

Gleichzeitig steigt in Europa und den USA der Bedarf an Menschen, deren Beruf es ist, tatsächlich Russland zu verstehen. Das berichtet der russische Journalist Dmitrij Bykow, der sein Land verlassen hat, um an der renommierten US-Universität Princeton slawistische Seminare zu geben. "Sie interessieren sich für uns, wir sind modern geworden", sagt er im Interview mit dem Radiosender Echo Moskwy. Während sich zu Beginn für seine Seminare manchmal nur fünf Studenten eingeschrieben hätten, sind es dem Dozenten zufolge jetzt 25. "Phasen des Kalten Krieges sind für die Slawistik immer segensreich", zitiert er einen Weggefährten.

Das mag zynisch klingen. Doch auch deutsche Slawisten berichten von gestiegenem Interesse an ihrem Forschungsgebiet. So verzeichnen sowohl Mirja Lecke, Direktorin des Seminars für Slawistik der Ruhr-Universität Bochum als auch Alfrun Kliems, Direktorin des Instituts für Slawistik an der Berliner Humboldt-Universität, erfreulich viele Besucher bei Vorträgen ihres Fachbereichs. Auch Anfragen nach Interview-Terminen oder für Gastbeiträge kämen nun häufiger. "Vor allem die Historiker sind sehr gefragt", sagt Kliems. In deutschen Feuilletons erklären sie den Lesern geschichtliche Zusammenhänge des Konflikts, die Auswirkungen der deutschen Kriegsschuld und die tragische Rolle, die die Ukraine als "Bloodlands" in den Kriegen des 20. Jahrhunderts spielte.

Die deutsche Debatte beruht "auf großer Unkenntnis" und ist daher anfällig für Propaganda

Die Slawistik gelangt so zu neuem Selbstbewusstsein - denn, so sind sich ihre Vertreter einig, in den vergangenen Jahren sei sie als Forschungsfeld vernachlässigt worden. Dabei sei der heutige Konflikt in der Forschung schon vorgezeichnet, sagt Kliems. Als Beispiel nennt sie die Postcolonial Studies, die sich schon länger mit Fragen auseinandersetzen wie "Kann man von einem postsowjetischen Raum überhaupt sprechen?". Alexander Wöll, Präsident der Viadrina in Frankfurt (Oder), formulierte im Interview mit dem Tagesspiegel für seine Universität den Anspruch, Stereotypen und Vorurteilen entgegenzuwirken. Er beklagt, dass die deutsche Debatte "auf großer Unkenntnis beruht" und daher anfällig für Propaganda sei.

Vorläufiger Höhepunkt des von Wöll skizzierten Auseinanderfallens von wissenschaftlicher und öffentlicher Meinung war wohl der Aufruf "Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!". Darin forderten 60 ehemalige Politiker wie Ex-Kanzler Gerhard Schröder und Prominente wie der Filmemacher Wim Wenders im Dezember 2014 die deutsche Regierung zum Dialog mit Russland auf. Zahlreiche Osteuropa-Experten widersprachen den Unterzeichnern in einem offenen Brief. Russland trete im Ukraine-Krieg eindeutig als Aggressor auf. Den 60 Prominenten attestieren sie "nur geringe Expertise zum postsowjetischen Raum, wenig relevante Rechercheerfahrung und offenbar keine Spezialkenntnisse zur Ukraine". Expertise, über die Slawisten von Berufs wegen verfügen.

Allein: In höheren Studienzahlen schlägt sich das Interesse an ihrem Fachbereich in Deutschland nicht nieder. "Die Zahlen sind leider eher rückläufig", sagt Kliems. Ihre Kollegin Lecke verzeichnet zwar leicht gestiegene Studierendenzahlen, macht dafür aber eher die doppelten Abiturjahrgänge verantwortlich als den Ukraine-Konflikt. Vielleicht ist es für einen echten Effekt auch noch zu früh - der jüngste Konflikt ist noch relativ jung. Um allerdings zu prognostizieren, dass er noch eine Weile weitergehen wird, muss man wohl nicht einmal Slawist sein.

© SZ vom 08.04.2015/dgr

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