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Revolution im Hörsaal:Kapitän Black Bart erklärt Wirtschaft

Studenten bei VWL-Vorlesung in der LMU in München, 2014

Viele Wirtschaftsstudenten sind enttäuscht von den Inhalten, die sie an der Uni geboten bekommen. Das soll sich ändern.

(Foto: Florian Peljak)

Ökonomen haben ein radikal neues Lehrbuch entwickelt, um auf die Studenten einzugehen.

Als Pirat an Bord der "Rover" im frühen 18. Jahrhundert konnte man sich glücklich schätzen. Das Schiff hatte eine eigene Verfassung, wie die meisten Piratenschiffe damals, sie garantierte Mitbestimmung, Teilhabe und verhinderte eine zu ungleiche Verteilung der erbeuteten Schätze. Und sie garantierte, dass die Besatzung den Kapitän wählte. Nirgendwo sonst in der damaligen Welt hatten einfache Arbeiter so weit reichende Rechte zur Mitbestimmung, nirgendwo waren sie so vor Ausbeutung geschützt wie unter Seeräubern.

Das ist keine Geschichte aus einer historischen Abhandlung über maritime Kriminalität, sondern aus einem neuartigen Lehrbuch für junge Wirtschaftsstudenten. Die Geschichte des Kapitäns Black Bart und seiner "Rover" steht dort am Anfang eines Kapitels, in dem es um Macht und Eigentum geht, darum, wie Institutionen die Machtbalance zwischen wirtschaftlichen Akteuren beeinflussen. "Die Wirtschaftswissenschaften haben sich sehr verändert. Aber der Inhalt der Lehrbücher nicht", sagt Sam Bowles, Ökonom am Santa Fe Institute in den USA. Also haben er und einige Kollegen einfach ein ganz neues geschrieben.

Gemeinsam mit Wendy Carlin, Professorin am University College London, ist Bowles nach Augsburg zur Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik gereist, der Verbands deutscher Ökonomen. In diesem Jahr beschäftigt sich der Verein auffallend prominent mit der Frage, wie sich die Lehre in der VWL verändern muss. Auf der Tagung stellen Bowles und Carlin das "Core"-Projekt des Institutes for New Economic Thinking vor. Core steht für die Englische Abkürzung von "frei zugänglicher Lehrstoff für Ökonomik", ein Projekt, an dem sich in den vergangenen Jahren Professoren und Wirtschaftsforscher aus zahlreichen Ländern beteiligt haben. Kern ist das Lehrbuch mit dem Piratenschiff, das so völlig anders ist als das, womit Wirtschaftsstudenten sonst konfrontiert werden. Von diesem Herbst an setzt es ein Professor an der Berliner Humboldt-Universität erstmals in Deutschland ein. "Früher haben meine Studenten immer die mathematischen Modelle zuerst gelernt und später, was man damit machen kann", sagt Carlin, "jetzt ist es genau umgekehrt."

Was wurde den Wirtschaftswissenschaften seit der Finanzkrise in den Jahren 2007 und 2008 nicht alles vorgeworfen. Ökonomen hätten die Krise nicht kommen sehen, sie hätten sich zu sehr auf die Aussagekraft ihrer Modelle verlassen, sie hätten zu lange ignoriert, was außerhalb ihres Fachs passierte und die Erkenntnisse anderer Fachrichtungen vernachlässigt. Viele dieser Vorwürfe kamen von den Studenten selbst, sie kommen immer noch: Warum fehlt der Bezug zur Realität in unserem Studium, warum können wir nicht wenigstens jetzt, im Nachhinein, die Finanzkrise erklärt bekommen? Warum kommt die Ideengeschichte so kurz, wo doch die Wissenschaft schon Hunderte Jahre alt ist? Warum lernen wir das Gleiche wie vor Jahrzehnten?

"Wir haben unseren Studenten nicht zugehört", sagt Carlin. "Wir sind zu wenig darauf eingegangen, was sie wirklich interessiert." Für das Lehrbuch ließen sich die Autoren daher davon leiten, wie sie ihre Studenten mehr motivieren können.

Weit verbreitete Lehrbücher für Erstsemester, sei es die "Einführung in die Volkswirtschaftslehre" des US-Ökonomen Paul Samuelson oder die "Grundzüge der Mikroökonomik"des heutigen Google-Chefökonomen Hal Varian, ähneln sich stark im Aufbau und wirken auf viele Studenten abschreckend. Zuerst kommen einfache Modelle, Kurven, Präferenzen, Märkte und Gleichgewichte. Verhaltensökonomik, externe Effekte und Märkte ohne Gleichgewicht sind weiter hinten einsortiert; selbst die Spieltheorie kommt in späteren Kapiteln. So ist die Lücke zwischen dem gewachsen, was Ökonomen heute in aller Vielfalt ihres Fachs tun, und dem, womit Studenten zu Beginn ihres Studiums konfrontiert werden. "Diese Lücke wollen wir wieder verkleinern", sagt Professorin Carlin.

Das erste Kapitel im Buch des Core-Projekts heißt "Die kapitalistische Revolution", es fängt damit an, wie das kapitalistische System den Lebensstandard von Milliarden Menschen verändert hat und stellt die Frage, wie die Ökonomik das zu erklären versucht. Die Rolle von Institutionen - in der Ökonomik sind damit die Regeln wirtschaftlicher Interaktion gemeint - wird früh betont. Geschichten, Grafiken und Video-Interviews mit berühmten Ökonomen dienen dazu, ökonomische Fragen zu illustrieren. "Wir können noch nicht erklären, warum es funktioniert", sagt Bowles, "aber es funktioniert." Studenten, die am University College London den Core-Einführungskurs belegten, hatten in höheren Semestern im Schnitt bessere Noten. Womöglich wird das auch an der Berliner Humboldt-Uni so sein, und vielleicht nach und nach an weiteren deutschen Hochschulen.