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Reform der Hochschulreife:Im Abitur-Irrgarten

Rolle rückwärts: Immer mehr Bundesländer bekommen Zweifel am Turbo-Abschluss und erlauben wieder das neunstufige Gymnasium. Oder sie bieten, um die gestressten Abiturienten zu entlasten, gleich beide Varianten an.

Johann Osel

"Für mich persönlich sind die Jahre, die unseren jungen Leuten bisher verloren gehen, gestohlene Lebenszeit", sagte vor ziemlich genau 15 Jahren der damalige Bundespräsident Roman Herzog in seiner "Ruck-Rede". Warum soll, so Herzog, nicht auch in Deutschland ein Abitur in zwölf Jahren zu machen sein? Genauso kam es bekanntlich: Die Kultusminister befanden, dass deutsche Schüler im internationalen Vergleich zu alt seien, wenn sie an die Hochschulen kommen, beim Jobeinstieg erst recht.

Alle Länder haben sich peu à peu vom neunjährigen Gymnasium (G 9) verabschiedet und mit der achtjährigen Schulzeit begonnen. Ein doppelter Abschlussjahrgang aus altem G 9 und neuem G 8 drängte in Bayern und Niedersachsen im vergangenen Wintersemester in die Hörsäle, bald steht dies etwa in Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen an. Doch der Trend zum Turbo-Abitur stockt - teils kommt es nun zur Renaissance des neunjährigen Gymnasiums.

Über Parteigrenzen hinweg üben sich manche Länder darin, die Entwicklung rückgängig zu machen. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier sagte beim CDU-Landesparteitag am Wochenende, die Gymnasien sollten selbst entscheiden dürfen, ob sie Schüler in acht oder in neun Jahren zum Abitur führen. Dies solle zunächst für den begrenzten Kreis der sogenannten "selbständigen Schulen" gelten.

Ein sachter Trend: In Schleswig-Holstein hat die inzwischen abgewählte schwarz-gelbe Koalition eine Wahlfreiheit für Schulträger eingeführt, es können unter einem Dach auch beide Varianten angeboten werden. Der neue Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) will für das Abitur an klassischen Gymnasien aber wieder zum G 8 zurück, Elternverbände rebellieren. Nordrhein-Westfalen lancierte Schulversuche mit dem G 9, Ähnliches entsteht in Baden-Württemberg. In Rheinland-Pfalz gilt das G 8 ohnehin nur für Ganztages-Gymnasien.

Auch in Bayern, wo der Protest gegen das G 8 dauerpräsent ist, kam Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) ins Grübeln. Die Rückkehr zum G 9 kommt für ihn nicht in Frage: Eine solche Umkehr wäre "eine Tortur für Schulen und Schüler". Gleichwohl hat Spaenle ein "Vertiefungsjahr" in der Mittelstufe vorgeschlagen - ein individuelles G 9 im Bedarfsfall also, durch inoffizielles Sitzenbleiben.

Nur so eine Idee

Das Herumreformieren an der Reform soll durchaus aufgebrachte Eltern befrieden. Das Kürzel "G 8" hat sie und ihre Kinder in den vergangenen Jahren auf die Straßen und zur Verzweiflung getrieben. Es steht quasi als Synonym für: überfrachtete Lehrpläne und überforderte Schüler.

Wie aus einer Allensbach-Umfrage für den Deutschen Philologenverband hervorgeht, wird das G 8 vor allem in den alten Ländern skeptisch gesehen. Nur sieben Prozent der Befragten hielten die Verkürzung für gelungen, 22 Prozent sehen vorübergehende Probleme. 71 Prozent plädieren entweder für eine Rückkehr zu neun Jahren oder ein paralleles Angebot. Im Osten der Republik, wo es das G 8 teils seit der Wende gibt, ist die Zufriedenheit deutlich höher. Auch ist in Niedersachsen ein Volksbegehren für ein festes G-9-Comeback gescheitert.

In Hessen ist durch Bouffiers Äußerung eine Schuldebatte entbrannt. Bei den CDU-Delegierten in Darmstadt soll die Idee nur verhaltenen Beifall gefunden haben. Auch ist fraglich, wie eng die Absprache mit der neuen Kultusministerin Nicola Beer (FDP) war. Sie hat durch eine Kabinettsumbildung ihr Amt erst kürzlich erhalten und sogleich angekündigt: Es bleibt beim G 8.

Sie wolle aber klären, welche Möglichkeiten für die Schüler entstehen könnten, die sich vom G 8 überfordert fühlten. An hessischen Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe, für die jetzt schon eine G-9-Option vorgesehen ist, registriert man jedenfalls steigende Nachfrage. Während laut Statistischem Landesamt Gymnasialanmeldungen und generelle Schülerzahlen sinken, haben die Gesamtschulen Zulauf.

Über Jahre wurden alle Kritiker von G 8 von der CDU abgekanzelt und die berechtigten Anliegen von Schülern und deren Eltern ignoriert", sagte der Grünen-Abgeordnete Mathias Wagner. "Jetzt, nachdem bereits eine ganze Schülergeneration G 8 durchlaufen und durchlitten hat, sagt der Ministerpräsident faktisch: G 8, war nur so eine Idee von uns."

Die Bildungsgewerkschaft GEW in Hessen forderte flächendeckend die Rückkehr zu neun Jahren. Die Wahlmöglichkeit sei der falsche Weg, denn die "übergreifende Entscheidung" müsse durch die Politik fallen. Dies ist ein Argument, das in dieser Frage oft vorgebracht wird - dass nämlich durch Optionen die Schulstruktur noch mehr zu einem Irrgarten werde und die Mobilität von Familien innerhalb Deutschlands leide.

© SZ vom 19.06.2012/wolf
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