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Rechenschwäche:Sind die Gene schuld - oder die Lehrer?

Kinder mit Dyskalkulie müssen zunächst lernen, was Zahlen bedeuten

Für Kinder mit Dyskalkulie sind Zahlen häufig nur merkwürdige Zeichen. Wenn sie gut im Auswendiglernen sind, bleibt das lange unentdeckt.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)
  • Die Rechenstörung ist international als Krankheit anerkannt, ihre Ursachen sind vollkommen unklar.
  • Psychiater und Selbsthilfeverbände plädieren für die Diagnostik, aber es gibt Zweifel, ob sie Schülern hilft oder gar schadet.
  • Die massiven Schwierigkeiten im Rechnen lassen sich in einer Therapie meist lindern - aber nur ein ärztliches Gutachten eröffnet die Chance auf finanzielle Unterstützung.

Von Larissa Holzki

Mathe ist doof. Das werden viele Kinder gedacht haben, als sie am Schuljahresende ihr Zeugnis gesehen haben. Manche von ihnen hätten für eine bessere Note vielleicht nur mehr üben müssen. Andere haben genau das getan - bis sogar Mama und Papa an 25 plus 17 verzweifelt sind.

Wenn Matheüben nicht hilft, kann das daran liegen, dass Kindern - oder Jugendlichen und Erwachsenen - ein grundsätzliches Verständnis für Mengen und Zahlen fehlt. Sie können eine Zahlenreihe, die sie auswendig gelernt haben, oft an den Fingern abzählen, aber dass neun mehr sind als vier, das wissen sie nicht. Sie können nicht schätzen, wo auf einer Linie, die den Abstand zwischen null und 100 beschreibt, die 50 liegt. Auch zu sagen, welches von zwei unterschiedlich dicken Büchern mehr Seiten enthält, fällt ihnen erstaunlich schwer.

Es ist klar, dass diese Kinder vom Bruchrechnen in der vierten Klasse überfordert sind. Völlig unklar sind die Ursachen. Der Bundesverband Legasthenie & Dyskalkulie (BVL) hält sich an die Weltgesundheitsorganisation: Die hat das Phänomen als "Rechenstörung" in ihre Internationale Klassifikation der Krankheiten aufgenommen. "Wir sprechen von einer lang andauernden Beeinträchtigung, die auf einer genetischen Disposition beruht, einer neurobiologischen Störung", sagt BVL-Sprecherin Annette Höinghaus.

Weil die Rechenstörung oder Dyskalkulie als dauerhafte Beeinträchtigung anerkannt ist, gilt sie als Behinderung. Studien zufolge sind sechs bis sieben Prozent der Grundschüler betroffen, mindestens 170 000 Kinder.

Vielen kann die Dyskalkulie erst neuerdings attestiert werden, denn Experten gingen lange davon aus, dass sie nur Menschen betrifft, die in anderen Fächern viel besser sind. Heutige Studien widerlegen diese Theorie: "Rechenstörungen können bei sehr Intelligenten und weniger Intelligenten gleichermaßen auftreten, auch zusammen mit Legasthenie", sagt Gerd Schulte-Körne. Er lehrt am Klinikum der Universität München Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie und hat sich auf schulische Entwicklungsstörungen spezialisiert.

Sind die Kinder einfach schlecht unterrichtet worden?

Der Mediziner versucht herauszufinden, was im Kopf von Kindern vorgeht, für die Zahlen nur seltsame Zeichen sind. "Es gibt Hirnregionen, die bei Rechenfunktionen besonders stark anspringen. Bei Kindern mit Dyskalkulie hat man festgestellt, dass diese Regionen verzögert oder weniger stark aktiviert werden", erklärt er. Allerdings lasse sich eine Rechenstörung nicht zweifelsfrei feststellen.

Und selbst wenn es so wäre - wie es zu der Abweichung kommt, ist rätselhaft. Die Ursachenforschung sei noch ganz am Anfang, sagt Schulte-Körne. Über allem stehe die Frage: "Was ist angeboren, was ist erworben?"

Der Mathematikdidaktiker Wolfram Meyerhöfer hat die Geduld mit den Medizinern verloren. "Wir haben 40 Jahre im Kopf der Kinder nach Ursachen gesucht und sind nicht sonderlich weit gekommen", sagt er. An der Universität Paderborn forscht er zur Entwicklung des mathematischen Denkens von Kindern. Aus Gesprächen mit Rechentherapeuten und eigenen Erfahrungen mit rechenschwachen Kindern zieht er einen anderen Schluss: Die Kinder seien einfach schlecht beschult worden. "Forscher und Lehrer wissen nicht weiter, aber den Kindern wird ein Label auf die Stirn geklebt", kritisiert er.

Meyerhöfer behauptet nicht, dass alle Kinderköpfe gleich funktionieren. Er will nur nicht akzeptieren, dass sich Schulen aus der Verantwortung reden. "Die Lehrer sagen: Das Kind ist krank, ich kann nichts dafür, dass es nicht rechnen kann." Das sei eine neue Form der Stigmatisierung. Statt von Dyskalkulie spricht er von besonderen Schwierigkeiten im Rechnen.

Den Vorwurf, Lehrer würden Kinder mit attestierter Rechenstörung hängenlassen, hört Annette Höinghaus vom BVL auch von Eltern. Dennoch hält sie die medizinische Diagnostik für hilfreich. "Wenn bewiesen ist, dass das Kind weder faul ist noch etwas falsch macht, ist das meist eine große Entlastung für Eltern und Kinder." Nur Psychiater oder sozialpädiatrische Zentren könnten andere Ursachen ausschließen und ergründen, wie dem Kind zu helfen sei. Der Mediziner Schulte-Körne sieht das ähnlich: "Die Kinder kommen mit viel größeren Problemen als dem Stempel."

Nur mit Diagnose zahlt der Staat die Therapie - aber die kann ein Stigma sein

Solche Aussagen können Lars Michael Lehmann wütend machen. Er selbst wurde als Kind Anfang der 80er-Jahre als lernbehindert eingestuft und auf die Sonderschule geschickt. Heute arbeitet er als diplomierter Legasthenie-Trainer in Dresden und weiß, dass er Legasthenie und Dyskalkulie hatte. Dass der BVL diese "ganz normalen Schwächen, die man kompensieren kann" als Behinderung bezeichnet, hält er ethisch für inakzeptabel.

Zu denken geben auch Studien: Wenn man Lehrer glauben macht, bestimmte Schüler seien hochintelligent, schneiden diese nach einem Jahr tatsächlich besser ab. Wenn Menschen überzeugt sind, dass sie in einem Leistungstest versagen, gelingt ihnen in der Prüfung weniger als sonst. Und es gilt als erwiesen, dass Menschen sich an Erwartungen der Gesellschaft anpassen. Für Kinder mit einer attestierten Dyskalkulie könnte das bedeuten: Sie werden aufgegeben und geben sich selbst auf. Doch dazu besteht kein Grund: Nach Ansicht aller Experten führen Rechentherapien fast immer zu Verbesserungen.

Die weitere Krux an dem Stempel ist, dass er Geld wert ist. Ohne Diagnose keine Kostenübernahme für die Rechentherapie. Etwa 250 Euro kostet sie die Eltern monatlich, schätzt der BVL. Aber die zahlt das zuständige Jugendamt nur unter besonderen Umständen. Unter anderem muss ein Arzt attestieren, dass das Kind von seiner Rechenstörung bereits eine seelisch Behinderung davongetragen hat oder ihm dieses Schicksal droht. Ein Teufelskreis: Kinder, die mit Zahlen zu kämpfen haben, müssen darunter erst massiv psychisch und emotional leiden, bevor der Staat ihnen hilft. Dabei gehört es zu seinem gesetzlichen Bildungsauftrag, dass Kinder in der Schule rechnen lernen.

Die Schule kommt ihrer Pflicht nicht nach

Der BVL folgert aus diesem Auftrag, dass jedes Bundesland seine Schulen in die Lage versetzen muss, speziell geschultes Personal einzusetzen und betroffene Kinder einzeln zu fördern. Wolfram Meyerhöfer folgert daraus: gemeinsamen und verständlichen Matheunterricht für alle. "Lehrer und Schüler müssen vor allem mehr miteinander sprechen", sagt der Mathematikdidaktiker. Sätze wie "sieben ist zwei mehr als fünf" würden im Unterricht immer seltener ausgesprochen. Auch die verschiedenen Rechenwege, die zur Lösung führen können, müssten häufiger zur Sprache kommen. Stattdessen wurschtelten Kinder heute viel zu oft alleine an Arbeitsblättern herum.

Eltern, die außerhalb der Schule Hilfe bei Matheschwierigkeiten suchen, können Förderinstitute und Rechentherapeuten auf der Website des BVL finden. Wolfram Meyerhöfer empfiehlt das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche mit Test- und Beratungsstellen in ganz Deutschland. Garantien gibt es freilich nicht: Die Berufsbezeichnung Rechentherapeut ist ungeschützt.

© SZ vom 07.08.2017/lho
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