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Qualität medizinischer Promotionen:"Dr." gilt als Qualitätssiegel

Paradoxerweise ist jedoch gerade die hohe Bedeutung, die dem medizinischen Doktorgrad hierzulande beigemessen wird, größtenteils für dessen Qualitätsprobleme verantwortlich. Hängt mit dem "Dr. med." doch weit mehr zusammen als nur die fünf zusätzliche Buchstaben auf dem Klingelschild: Schon die Bezeichnung Arzt und Doktor werden im Deutschen synonym verwendet.

Wenn es um spätere Aufstiegs- und Karrieremöglichkeiten geht, ist der wissenschaftliche Titel noch immer Voraussetzung. Doch auch für den Hausarzt auf dem Land gilt das "Dr." weiterhin als Qualitätssiegel. "Es gibt tatsächlich immer noch diese Erwartungshaltung des Patienten", sagt Florian Horn, der 2004 zum Thema HIV promoviert hat und medizinische Fachbücher verfasst. "Und wenn die Leute einen eh das Leben lang als Herr Doktor ansprechen, will man dann immer antworten, man sei gar keiner, sondern 'nur' Arzt?"

Auch für Medizinstudentin Nina Müller (Name geändert) ist klar, dass sie promovieren möchte: "Letztlich wird der Doktortitel immer noch erwartet. Somit steigt dann die Sicherheit, nach dem langen Studium einen Job zu finden." So denkt weiterhin der Großteil der angehenden Ärzte. Von den insgesamt 16 361 Humanmedizinern, die im Jahr 2014 ihr Studium abgeschlossen haben, erhielten immerhin 6322 einen Doktortitel, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. In Bereich Naturwissenschaften und Mathematik ist der Anteil im Vergleich deutlich geringer: Dort haben lediglich 9 521 von insgesamt 78 179 Absolventen mit einer Dissertation die Hochschule verlassen.

Sehr große Spannbreite bei den Arbeiten

Ein wesentlicher Unterschied im Vergleich zu anderen Fächern ist, dass die medizinischen Dissertationen in einem Großteil der Fälle begleitend zum Studium oder der Facharztausbildung erstellt werden. Während Ingenieure oder Naturwissenschaftler oft über Jahre und in Vollzeit ihre Arbeiten verfassen, geschieht dies bei Medizinern häufig innerhalb weniger Monate nebenbei.

"Allerdings ist das Studium selbst mit mindestens sechs Jahren bereits sehr lang, hinzu kommt oft noch einmal so viel Zeit für die Facharztausbildung", sagt Matthias Frosch, Medizinprofessor in Würzburg und Präsidiumsmitglied des Medizinischen Fakultätentags. "Da zu verlangen, dass eine Promotion erst nach dieser Zeit erfolgen soll, ist utopisch - da sind die Leute 40."

Letztlich ist die qualitative Spannbreite der medizinischen Arbeiten sehr groß. Zum einen gebe es auch im Bereich Medizin Doktoranden, die auf höchstem Niveau forschen und promovieren, sagt Fachbuchautor Horn. Es sei aber auch möglich, mit einer Arbeit den "Dr. med." zu erlangen, "die in anderen Fächern gerade mal als größere Hausarbeit" durchgehen würde. "Unter Medizinern ist das allgemein bekannt", so Horn. Auch Medizinprofessor Frosch räumt ein, "dass es sicher einen Anteil an Arbeiten gibt, die bei Anwendung höherer Qualitätskriterien wackelig sind".

Es verwundert daher nicht, dass die Plagiatsjäger von Vroniplag bei einer ganzen Reihe medizinischer Arbeiten fündig werden. Von 151 Arbeiten, in denen die Wissenschaftler Mängel entdeckten, haben 84, also mehr als 50 Prozent, Human- oder Zahnmediziner eingereicht.

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