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Psychotherapie:240 Euro nach sechs Jahren Studium

Eine Psychotherapie ist für psychisch Kranke wie ein Rettungsring - doch es gibt zu wenig Therapeuten.

(Foto: istock)
  • Die Ausbildung von Psychotherapeuten soll reformiert werden, das Gesundheitsministerium hat dazu einen Entwurf vorgelegt.
  • Unter anderem soll ein komplett neuer Studiengang entstehen: Psychotherapie.
  • Ärzte wie auch Psychotherapeuten lehnen allerdings viele Punkte des Vorhabens ab.

Von Michaela Schwinn

Manchmal, wenn Julia Keil an ihre Situation denkt, steigt die Wut in ihr hoch. Die viele Arbeit, die Verantwortung, wenn sie Teile des Arztbriefs schreibt oder psychologische Gespräche führt, und dann die 240 Euro, die sie dafür im Monat bekommt. 240 Euro brutto, nach sechs Jahren Studium. "Das kann nicht sein", denkt sie dann. Aber was sollte sie auch tun? Ihre Ausbildung hinwerfen? Niemals, schließlich ist Psychotherapeutin ihr Traumjob.

So wie Keil geht es vielen, die psychologische Psychotherapeuten werden wollen: Sie haben oft mehrere Nebenjobs, stehen samstags an der Supermarktkasse oder hinter einem Tresen. Viele machen Schulden oder sind mit Ende 20 noch auf ihre Eltern angewiesen. Die Ausbildung kostet zwischen 20 000 und 60 000 Euro. Und die Kliniken, in denen sie ihre Pflichtstunden ableisten, zahlen ihnen oft nichts oder nur wenig. Es sind prekäre Verhältnisse, denen jedes Jahr Tausende Auszubildende ausgeliefert sind - und das, obwohl die Nachfrage nach Therapie ständig steigt.

Dass es so nicht weitergehen kann, darüber sind sich Verbände und Politiker einig. Doch jetzt, wo die Reform der Ausbildung nach langem Hin und Her in greifbarer Nähe ist und bereits ein Entwurf des Gesundheitsministeriums vorliegt, scheinen sich manche nicht mehr sicher zu sein, ob die Veränderung, die darin festgehalten ist, die richtige ist. Seit Wochen diskutieren Ärzte und Psychotherapeuten darüber.

Wer psychologischer Psychotherapeut werden will, muss bislang Psychologie studieren. Dann folgt eine mehrjährige Ausbildung zum Therapeuten. Die Theorie lernen die PiAs, Psychotherapeuten in Ausbildung, an meist privaten Instituten, Erfahrung sammeln sie in Praxen oder Krankenhäusern. Ob und wie die praktische Arbeit vergütet wird, ist nicht geregelt - das nützen viele Kliniken aus. Um das zu ändern, soll nun ein komplett neuer Studiengang entstehen: Psychotherapie. Drei Jahre Bachelor, zwei Jahre Master, dann die Approbation, also die Zulassung zur Berufsausübung. Durch sie hätten die PiAs in der darauffolgenden Weiterbildung Anspruch auf ein geregeltes Gehalt - wie Assistenzärzte.

Die Bundesärztekammer (BÄK) und die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) lehnen allerdings viele Punkte des Vorhabens ab. So stört sie, dass Psychotherapie ein eigenes Studium werden soll, statt auf einem Psychologiestudium aufzubauen. Auch fürchten sie, dass durch die Reform psychisch Kranke aus der medizinischen Versorgung fallen könnten. Denn bisher müssen Patienten einen Arzt aufsuchen, bevor eine Psychotherapie beantragt wird. Das soll ausschließen, dass hinter Herzrasen und schlaflosen Nächten ein medizinisches Problem steckt. Dieser verpflichtende ärztliche Bericht wird im aktuellen Entwurf nicht mehr erwähnt. "Die Psychotherapie will sich vollends emanzipieren, die Seele gänzlich vom Körper befreien", sagt Thomas Pollmächer, Leiter des Zentrums für Psychische Gesundheit am Klinikum Ingolstadt.

Ärzte auf der einen, Psychotherapeuten auf der anderen Seite

Diese Ängste kann Dietrich Munz, der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, nicht nachvollziehen. "Die Aufregung ist erstaunlich, weil es die Ärzte gar nicht betrifft", sagt er. An der Zusammenarbeit zwischen Therapeuten und Ärzten werde sich nichts ändern, vor einer Therapie würde weiterhin ein medizinisches Gutachten eingeholt, sagt Munz, und das sei auch gut so. Auch wenn die Kammer selbst noch ein paar Änderungsvorschläge hat, freue sie sich über das Gesetz.

In der Diskussion haben sich zwei Fronten herausgebildet: Die Ärzte auf der einen, die Psychotherapeuten auf der anderen. Dabei geht es nicht um Details, es geht um das Berufsverständnis und um Befugnisse: Sollen Therapeuten künftig Patienten überweisen dürfen? Oder ihnen sogar Psychopharmaka verschreiben?

Denn auch das steht im Entwurf. Modellstudiengänge sollen Studenten später befähigen, Medikamente zu verschreiben - was bisher Ärzten vorbehalten ist. Hier sind sich dann aber wieder alle einig: "Das lehnen wir ab", heißt es fast einstimmig von Ärzten und Therapeuten. Dafür brauche man ein umfangreiches Wissen, was in einem Semester kaum zu erlernen sei, sagt Munz von der Psychotherapeutenkammer, und ohnehin legen Psychotherapeuten Wert darauf, ihre Patienten ohne Medikamente zu behandeln. Auch Politiker äußern Zweifel: "Ich weiß nicht, was das Ministerium sich dabei gedacht hat", sagt Maria Klein-Schmeink, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, die den Entwurf generell begrüßt. Auch ihre Kollegin von der CDU, Karin Maag, sieht hier noch "Gesprächsbedarf". Das Ministerium prüft derzeit alle Stellungnahmen, in ein paar Monaten wird der Entwurf dann ins Kabinett gehen.

Julia Keil, die angehende Psychotherapeutin, vermisst noch etwas anderes in dem Gesetzentwurf: "Für Leute wie mich bräuchte es eine Zwischenlösung", sagt die 28-Jährige. Sollte es diese nicht geben, wird auch sie einen Kredit aufnehmen müssen, denn bald sind ihre Ersparnisse weg.

© SZ vom 18.02.2019/mkoh
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