bedeckt München 28°

Prokrastinierende Studenten:Prokrastination kann gefährlich werden

Doktorandin Grunschel konnte empirisch zeigen, dass längst nicht jeder Student zum Prokrastinieren neige. Besonders zwei Typen seien aber gefährdet: Während den "sorgenvoll-ängstlichen Typ" vor allem die Angst vor dem Versagen quäle, sei der "studiumsunzufriedene Typ" mit seiner Fächerwahl, womöglich aber auch über die Bedingungen im Hörsaal unglücklich, etwa mit dem Betreuungsverhältnis. Beide Typen zeigten Probleme beim selbstregulierten Lernen und beim Zeitmanagement. Mit mangelnder Intelligenz habe das nichts zu tun: Ein solcher Zusammenhang lasse sich empirisch nicht belegen.

Übrigens genauso wenig wie der Vorwurf, dass prokrastinierende Studenten eher mit Kommilitonen im Kaffeehaus sitzen, als über ihrer Abschlussarbeit zu schwitzen. "Studenten, die im akademischen Umfeld gerne Aufschieben, neigen auch bei ihren familiären und freundschaftlichen Kontakten zum Prokrastinieren", sagt Katrin Klingsieck, Professorin an der Universität Paderborn. Auch sie forscht zu diesem Apsekt, ihre Untersuchung mit Studenten hat gezeigt, dass sich das Phänomen auf ganz unterschiedliche Lebensbereiche erstrecken kann. "Und natürlich gibt es Prokrastination nicht nur bei Studenten. Besonders selbständige Berufe wie der des Lehrers beinhalten viele Freiräume und erfordern ein entsprechendes Selbstmanagement. Solche Tätigkeiten lassen ein prokrastinierendes Verhalten stärker zu als reglementierte Berufe."

Im Gegensatz zu Arbeitnehmern kann man die studentische Prokrastination aber relativ gut messen, weil zum Beispiel gewisse Aufgaben und Anforderungen nicht erfüllt werden. Durch das Überschreiten der Langzeitstudienzeit werden in manchen Bundesländern Zusatzgebühren fällig oder der Bafög-Anspruch endet. Gerade die Studenten, hinter deren langer Studiendauer sich wirkliche Probleme und nicht Faulheit verbergen, erfahren den zunehmenden Druck negativ - bis zum Abbruch des Studiums. So wundert es kaum, dass prokrastinierende Studenten eher zum akademischen Betrug neigen. So hat eine vor kurzem vorgestellte Studie der Universität Bielefeld gezeigt, dass zum Aufschieben neigende Studenten besonders stark dazu tendieren, Plagiate zu erstellen oder durch das Vorlegen falscher Atteste mehr Zeit für Hausarbeiten zu gewinnen.

Dass sich jedoch durch den Wegfall der großen Abschlussarbeiten in den alten Diplom- und Magisterstudiengängen etwas am Phänomen ändern wird, bezweifelt die Bielefelder Studienberaterin Kropat. "Wer vorher Angst vor der Magisterarbeit hatte, dem graut es jetzt vor der Bachelor-Arbeit." Auch das Problem der Prüfungsangst nehme durch die häufigen Abfragen in den stark verschulten neue Studiengänge eher zu. Dem will man in Bielefeld vorbeugen: Einführungen in Zeitmanagement und die Früherkennung von prokrastinierendem Verhalten sollen im ersten Jahr aller Studiengänge in Zukunft selbstverständlich werden.

© SZ vom 17.12.2012/wolf

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite