Privatschulen:Der Prozentsatz ist gering

An diesem Zerrbild ist die Einrichtung beziehungsweise deren Gründerin zu einem Großteil selber schuld: Béa Beste, die ehemalige Vorstandsvorsitzende der Phorms AG, redete anfangs ungefähr so großkotzig daher wie Josef Ackermann vor der Krise: Alle anderen sind ja nur zu doof dazu, Kohle zu scheffeln mit der Bildung, wir aber machen fette Rendite, und bald wird es Phorms auch in Barcelona und Peking geben. Zum einen kam alles anders, Phorms musste in letzter Zeit Dependancen schließen. Zum anderen aber werkeln die, die es noch gibt, heute auch viel bescheidener und pädagogisch nachhaltiger vor sich hin, als es in diesen megalomanen Statements den Anschein haben konnte. Viel wichtiger aber: Solche profitorientierten Schulen, die das Image - wenn nicht: Feindbild - maßgeblich mitprägen, machen nur einen winzigen Teil der Schulen in freier Trägerschaft aus.

Vielleicht sollte man überhaupt mal mit ein paar Zahlen beginnen. Fangen wir mit dem "Boom" an. Es klingt ja so, als gebe es in Deutschland heute an jeder Ecke irgendeine Alternativschule. Stimmt schon, die Privaten haben steten Zuwachs. So machten allein in den vergangenen zehn Jahren knapp 1100 neue allgemeinbildende Privatschulen auf. Die Anzahl der Schüler stieg im selben Zeitraum von 560.000 auf 719 671.

Bei den Grundschulen ist die Zahl der Privatschüler seit Pisa gar um 74 Prozent gestiegen. Allerdings klingt das nach mehr als es ist: Insgesamt gibt es 3373 allgemeinbildende Privatschulen, das heißt, gerade mal 8,2 Prozent aller Schüler gehen auf eine Privatschule. Damit liegt Deutschland weit hinter anderen OECD-Ländern. In Spanien besucht jedes dritte Kind eine Privatschule, im OECD-Durchschnitt gehen 14 Prozent aller Schüler auf eine allgemeinbildende Schule in freier Trägerschaft. Das soll nicht heißen, dass wir es unbedingt den Spaniern nachmachen sollten, es soll nur den "Boom" relativieren.

Der vergleichsweise große Zuwachs in den vergangenen Jahren hat verschiedene Gründe: Ostdeutschland war nach der Wiedervereinigung leer wie die Great Plains, es gab naturgemäß im Sozialismus keine Privatschulen. Dazu kommt eine psychische Grunddisposition heutiger Eltern, die man vielleicht als dauerbesorgt beschreiben könnte. Viele Eltern glauben, sie müssten 24 Stunden am Tag als welterklärende Mediatoren um ihre kleinen Lebenswunder herumwuseln, auf dass die dann bitteschön die ultimative Berufsvita hinlegen mögen. Und wenn sie nicht selbst die Hoffnungsträger pädagogisch pampern, dann sollen es andere tun. Weshalb es ja heute auch Privatkrippen und Kindergärten gibt, deren Rundumprogramm an Wellnessintensiv-Tage für Manager erinnert: Die Potsdamer Kindertagesstätte "Villa Ritz" verfügt über einen Ballettsaal und eine Wellness-Abteilung. Laut Homepage sind "Deutsch und Englisch Verkehrssprachen. Chinesisch ergänzt das Fremdsprachenangebot."

Pisa wirkte bei dieser nervösen Grundstimmung wie ein Brandbeschleuniger: Die katastrophalen Ergebnisse des ersten Vergleichs und das anschließende jahrelange, grobmotorische Reformgestocher haben die Eltern zutiefst verunsichert. Eine bessere Werbung als Pisa hätte es für Privatschulen nicht geben können. In allen Ländern außer Finnland lagen damals die privaten Bildungseinrichtungen vor den staatlichen Schulen. Betrachtet man die Lesekompetenz, so liegen die deutschen Privatschüler auf den ersten Blick sogar um fast zwei Lehrjahre vor den Schülern an staatlichen Einrichtungen.

Ein Triumph, so hieß es landauf, landab, der endgültige Beweis für die pädagogische Überlegenheit. Viele Privatschulen nahmen das natürlich als Steilvorlage und warben fortan mit der Behauptung, sie seien automatisch besser. Gleichzeitig beschrieben sie die Situation des öffentlichen Schulsystems in düstersten Farben. "Was lernen wir aus der Pisa-Studie?", fragte das Internatsgymnasium Schloss Torgelow dräuend in einer Broschüre. Eh klar: Dass alle staatlichen Schulen Abbruchunternehmen sind. Und dass in Zeiten der Globalisierung, in denen weit hinten, in China, Abermillionen Abiturameisen, nimmermüd und marktgestählt und mit einem IQ von 170 fabrikfertig montiert und dann auf den Weltmarkt losgelassen werden, nur noch Kinder mit feinster Privatschulbildung Chancen haben werden.

Das aber ist billige Angstmache. Und vor allem stimmt es nicht. Vergleicht man nämlich die Ergebnisse gleicher Schulformen, also etwa private und öffentliche Gymnasien, so schmilzt der vermeintliche Vorsprung dahin wie ein sommerliches Eis auf der Piazza von Pisa. Die Leistungen zwischen privaten und öffentlichen Gymnasien sind: gleich. Das aber bedeutet: Entscheidend für die Noten ist nicht die Schule. Entscheidend sind die Schüler und deren jeweiliger familiärer Hintergrund.

Privatschüler kommen in der Regel aus bildungsorientierten, karrierebewussten Mittelstandsfamilien. Nicht die Schulen sind per se besser, sondern die Elternhäuser. Gymnasien aber haben dieselbe Klientel. So decken diese Zahlen eine scheinheilige Argumentation der Kultusminister auf: Die wehren sich schließlich mit Händen und Füßen gegen Privatschulen und führen dabei stets das sogenannte ,,Sonderungsgebot'' ins Feld. Und hier wird's nun interessant.

Im Grundgesetz § 7 Abs. 4 steht, dass "das Recht zur Errichtung von privaten Schulen gewährleistet" wird, aber nur, solange "eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird". Gut so! Dieselben Minister protegieren aber ein System, das selbst nichts anderes tut als "die Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern" zu sondern. Man muss keine Studien aus dem Keller holen, um zu belegen, wie skandalös eng schulische Leistungen und soziale Herkunft in Deutschland zusammenhängen. Der Numerus Clausus vererbt sich hierzulande genauso wie das Fünferzeugnis.

Das aber bedeutet: Die größte "Sonderung" findet in Deutschland jedes Jahr in den vierten Klassen der Grundschulen statt: Ärztekinder aufs Gymnasium, Hartz IV auf die Hauptschule. Das ist der Skandal des deutschen Bildungssystems. Oder wie Christian Füller schreibt: "Sonderung ist nur zu einem geringen Anteil das Problem der Privatschulen, Sonderung ist vor allem der Sündenfall des staatlichen Schulwesens. Sie ist aber im Grundgesetz nur den privaten Schulen verboten. Das ist absurd. Denn es bedeutet, dass die Kultusminister die blauen Briefe, die sie so gern an die Privatschulen versenden, gleich noch mal verschicken sollten: an die deutschen Gymnasien. Die Sozialauswahl oder, böse gesagt, die Selektion nach der Herkunft der Eltern, ist dort am stärksten."

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