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Präsenz in der Schule:Risiko Unterricht

Zu viele Lehrkräfte wollten wegen Corona nicht unterrichten, sagt Friedrich Merz. Dabei stehen sogar Lehrende aus Risikogruppen vor ihrer Klasse. Zahlen und Berichte aus der Praxis.

Von Bernd Kramer

Wo sind all die Lehrer und Lehrerinnen hin? Ein Mann, der gern Chef der CDU wäre, hatte kürzlich eine Theorie: Sie lassen sich massenweise von Ärzten einer Risikogruppe zuschreiben. "Es bleiben einfach zu viele zu Hause", sagte Friedrich März der Bild-Zeitung. Deshalb sympathisiere er mit Schleswig-Holstein, wo ein Betriebsarzt die Freistellungsgesuche prüft. Laut Ministerium bleiben dort nur 23 Antragsteller dem Präsenzunterricht fern - bei 2300 Anträgen.

Sehr unterschiedlich gehen die Länder mit solchen Anträgen um. Meist reicht ein Attest vom Haus- oder Facharzt, mal darf nur der Betriebsarzt freistellen. Eine Abfrage der Süddeutschen Zeitung bei den Kultusministerien zeigt die Effekte (siehe Grafik). Enorm viele Freistellungen, wie Merz suggeriert, sind es in der Regel nicht. Und nicht selten unterrichten Lehrkräfte vor Ort, obwohl sie zu Hause bleiben dürften.

"Ärzte gehen natürlich immer vom schlimmstmöglichen Szenario aus"

Klaus Schabronat unterrichtet Deutsch und Geschichte an einem Gymnasium in Andernach, Rheinland-Pfalz: "Ich bin 52 Jahre alt, Diabetiker, schwer nierenkrank und habe noch andere Gebrechen. Mein Arzt fragte, ob ich ein Attest wolle. An meiner Stelle würde er nicht wieder in den Präsenzunterricht gehen. Aber Ärzte gehen natürlich immer vom schlimmstmöglichen Szenario aus. Und inzwischen kennt er mich gut genug, um zu wissen, dass ich meinen eigenen Kopf habe.

Ich halte das Risiko im Moment persönlich für vertretbar. An unserer Schule haben wir Bodenmarkierungen in den Klassenräumen angebracht, sogenannte Schutzzonen. Wenn Lehrer Vorerkrankungen haben oder für sich von einem erhöhten Risiko ausgehen, können sie mit ihren Schülerinnen und Schülern vereinbaren, dass sie hinter der Linie bleiben. Daran halten sich alle, man muss die Jugendlichen wirklich loben: Sie nehmen Corona ernst und sind sehr diszipliniert. Wenn ich zu einem Schüler an den Platz gehe, ziehe ich eine Maske über, und die Schüler setzen dann ebenfalls die Maske auf. Ansonsten verzichte ich im Unterricht auf den Mund-Nasen-Schutz. Früher habe ich viel Gruppenarbeit mit den Schülerinnen und Schülern gemacht. Das geht jetzt kaum noch, weil die Jugendlichen während der Stunden ja immer den gleichen Sitznachbarn haben sollen. Das heißt, ich rede viel mehr als sonst, und der Unterricht ist leider wieder sehr frontal. Eine Doppelstunde lang durch eine Maske zu brüllen, wäre mir zu anstrengend. Ein herzkranker Kollege hält das anders: Er trägt im Unterricht Maske und verlangt das auch von den Schülerinnen und Schülern. Zu Hause bleiben will aber auch er nicht, obwohl er könnte, da geht es uns ähnlich. Mir tut es gut, vor der Klasse zu stehen, das Unterrichten macht mir Freude.

'Lernbrücken' in Baden-Württemberg

Schule in der Pandemie: In Baden-Württemberg bleiben sechs Prozent aller Lehrer dem Klassenraum fern – der höchste Wert bundesweit.

(Foto: dpa)

Selbstverständlich verfolge ich genau, wie sich die Infektionszahlen bei uns im Ort entwickeln. Ab wann ich die Lage anders einschätzen würde? Schwer zu sagen. Wenn hier im Ort die ersten Schulen schließen müssten, zu denen auch Geschwister meiner Schüler gehen, würde ich mir sicher Gedanken machen. Das Attest habe ich mir jedenfalls für alle Fälle von meinem Arzt mitgeben lassen."

"Warum ist das Bildungsministerium so hartherzig?"

Bernd Schauer ist Geschäftsführer des GEW-Landesverbandes in Schleswig-Holstein. Die Gewerkschaft vertritt mehrere Lehrkräfte rechtlich: "Wir haben zehn Eilverfahren vor dem Verwaltungsgericht angestrengt, weil Kolleginnen und Kollegen trotz Vorerkrankungen keine Freistellung vom Präsenzunterricht bekamen. Leider will keiner von ihnen selbst in der Öffentlichkeit sprechen, die Angst vor Konsequenzen ist bei den Betroffenen groß. Zumal neun der zehn Verfahren mit einer Ablehnung ausgegangen sind: Die Betroffenen müssen also in die Klassen.

In einigen Fällen hat das Ministerium aufgrund unserer Klagen zumindest nachgebessert. Eine Kollegin unterrichtet jetzt hinter einer Plexiglasscheibe, in einem anderen Fall wird die Klasse zweifach besetzt, sodass eine zweite Lehrkraft alles übernimmt, wo ein engerer Kontakt zu den Schülern nötig ist. Eine andere Kollegin erteilt weitgehend Förderunterricht in Kleingruppen mit Hochbegabten, sodass sie weniger Kontakte hat.

In einem Fall sind wir aber in Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht gegangen. Die Kollegin ist Mitte 50, unterrichtet an einem Gymnasium an der Westküste und leidet an Multipler Sklerose. Ihr Facharzt bescheinigte ihr eine höhere Anfälligkeit für Erkrankungen jeder Art. Die Infektionszahlen mögen im Moment niedrig sein in Schleswig-Holstein, aber die Kollegin hat große Befürchtungen. Sie sagt: Ein einziger coronapositiver Schüler würde ja schon reichen, um sie in ernsthafte Gefahr zu bringen. Vor den Sommerferien hat sie ihre Klassen problemlos online unterrichtet, so etwas wäre jetzt auch möglich. Dass selbst diese Kollegin keine Freistellung erhält, halte ich für nicht hinnehmbar. Nur ein kleiner Teil der Lehrerinnen und Lehrer hat beantragt, aus gesundheitlichen Gründen nicht im Präsenzunterricht eingesetzt zu werden. Warum ist das Bildungsministerium so hartherzig und verwehrt es ihnen?"

"Wenn sie die Masken nicht mehr tragen, bin ich weg"

Andrea S. unterrichtet Deutsch und Englisch an einer Regionalen Schule in Mecklenburg-Vorpommern: "Vor dem Beginn des Schuljahres hatte ich einen Gesprächstermin per Telefon mit einer Betriebsärztin des Arbeitsmedizinischen Dienstes. Ich leide unter Bluthochdruck und nehme ein Medikament, das im Verdacht steht, Thrombosen zu begünstigen. Nach fünf Minuten war klar: Ich gehöre zur Risikogruppe. Ich könnte zu Hause bleiben.

Ich weiß von einer Freundin, die an einer anderen Schule unterrichtet, dass es da durchaus böses Blut gibt, weil Kollegen im Home-Office sind. Sie werden per Video zum Unterricht in die Klassen geschaltet, aber natürlich sind die Kinder dabei nicht so leise, als stünde ein Lehrer leibhaftig vor ihnen. Und die Kollegen vor Ort sind genervt von der Lautstärke. An meiner Schule ist das Miteinander gut, ich arbeite seit 20 Jahren hier, und alle Kolleginnen und Kollegen hätten Verständnis, wenn ich in der Corona-Zeit nicht in den Präsenzunterricht wollte.

Aber ich bin Lehrerin geworden, um vor der Klasse zu stehen. Da sieht man direkt die Fragezeichen in den Gesichtern der Jugendlichen. Und auch das Strahlen, wenn sie etwas verstanden haben. Im Videochat ist das nie so unmittelbar, da ist bei irgendwem immer die Verbindung schlecht oder die Kamera kaputt. Das will ich mir nicht noch einmal antun. Ich habe meinen Schülerinnen und Schülern gesagt: Mein Arm, dein Arm, das ist der Abstand, den wir einhalten. Es ist irgendwie auch entzückend, wie die Kleinen dann mit ausgestrecktem Arm nach vorne kommen.

Aber ich beobachte mit Sorge, dass gerade die Jüngeren mit den Masken laxer werden. Die vergessen sie manchmal einfach zu Hause und sagen dann: 'Ich halte mir einfach die Hand vor den Mund, geht das auch?' Wenn es so einfach wäre! In den ersten Tagen haben wir in solchen Fällen die Eltern angerufen, jetzt haben wir Einwegmasken im Sekretariat vorrätig. Die Betriebsärztin hatte in unserem Telefonat gleich gesagt, ich solle mich jederzeit melden, wenn ich das Gefühl habe, die Hygieneregeln würden nicht mehr eingehalten. Im Moment geht es noch, und die Schulleitung ist sehr wachsam. Aber wenn sie die Masken nicht mehr tragen, bin ich weg."

© SZ vom 28.09.2020

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