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Prämierte Hochschulen:Nicht exzellent, sondern selbstverständlich

Die elf Fachhochschulen, die vor einer zweiten Gutachtergruppe antreten, legen pragmatischere Konzepte vor: Die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg etwa will die Lehre an die Bedürfnisse der Studenten anpassen, die sich mittlerweile per SMS zu Lerngruppen verabreden und Vorlesungsskripte nur noch in Form von PDF-Dateien nutzen: Zu seinen Vorlesungen in Technikjournalismus verschickt etwa Marco Winzker schon heute eine Art Kreuzworträtsel auf die Mobiltelefone und Laptops seiner Studenten, so dass sie auch unterwegs testen können, welche Grundbegriffe hängen geblieben sind. Die Fachhochschule Gelsenkirchen hat Strategien entwickelt, um die Kinder aus türkischen Einwandererfamilien für ein Studium zu gewinnen, statt sie mit Integrationskursen zu verschrecken.

Enttäuscht, sagt der emeritierte Stanford-Professor Hans Weiler, sei er gewesen, dass nur wenige Universitäten die Berufungsverfahren nutzen, um sich gute Forscher ins Haus zu holen, die auch gute Lehrer sind. Und enttäuscht - das ist aus seinem Stirnrunzeln abzulesen, als etwa die Universität Göttingen vorspricht - ist er auch, dass in manchem Konzept mehr Rhetorik als Inhalt steckt. Von dem in Göttingen angedachten "Lehr- und Lernzertifikat" bleibt nach vielen bohrenden Fragen, die die Jurymitglieder immer gereizter formulieren, nicht viel mehr als das, was an anderen Universitäten längst Alltag ist: Studenten im dritten oder vierten Semester formulieren eine Forschungsaufgabe und lösen sie, betreut von einem Professor.

Viele wünschen sich nur einen Sitzplatz im Hörsaal

Dirk Häger, einer von zwei Studenten in der Jury, hat anfangs viele Konzepte aussortiert, weil er die darin formulierten Ideen nicht für exzellent, sondern für selbstverständlich hielt. Einführungswochen für Erstsemestler zum Beispiel. Dann hatte er alle Anträge durch - und die Erkenntnis gewonnen, dass er wohl zu streng war. Häger untersucht derzeit in einer Doktorarbeit, wie sich Medizinstudenten für eine bessere Lehre einbringen können. Die Fachschaften an mehr als 30 Hochschulen hat er dazu befragt. "Viele wünschen sich ganz banale Dinge wie einen Sitzplatz im Hörsaal", beschreibt er die studentischen Bedürfnisse. Auch deshalb glaubt David Krebs, Jurastudent und ebenfalls Jurymitglied, dass dieser Wettbewerb nur begrenzt wirken kann: "Der beste Prof kann nur wenig verbessern, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen."

Es sei bezeichnend, dass die Politik 1,9 Milliarden Euro für den Exzellenzwettbewerb in der Forschung, aber nur zehn Millionen für den in der Lehre gebe. Forschungserfolg bringe eben Anerkennung - dem Professor mit seinen Publikationen ebenso wie dem Politiker, der sich damit in In- und Ausland brüsten kann. "Die Erfolge guter Lehre zeigen sich frühestens in zehn, zwanzig Jahren, wenn die einstigen Studenten sich in Unternehmen einbringen und damit auch Arbeitsplätze sichern", sagt Krebs. Das Rätsel also, wie man Qualität in der Lehre messen kann, ist noch nicht gelöst.

Ausgezeichnet wurden am Ende sechs Universitäten und vier Fachhochschulen. Dies sind die Universitäten Aachen, Bielefeld, Freiburg, Kaiserslautern, München (TU) und Potsdam. In der Gruppe der Fachhochschulen wurden Bremerhaven, Hamburg, Köln und Potsdam prämiert.