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Politikinteresse von Studenten:Anlass zu Protest und Widerspruch gäbe es genug

Es versiegt eine Hauptquelle produktiver Unruhe im Land. Diese Rolle der Studenten zieht sich durch die Geschichte: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren es Studenten, die auf dem Hambacher Fest 1832 Rede- und Pressefreiheit forderten und die ein Jahr später die Konstablerwachse in Frankfurt stürmten, um eine Revolution auszulösen. Studenten kämpften in der Revolution 1848/49 für ein bürgerlich-demokratisches Deutschland. 1968 veränderten sie durch ihre Proteste Politik und Kultur. Heute vernimmt man so etwas nur noch aus Hongkong, wo Studenten gegen autoritäre Vorgaben aus Peking protestieren.

Man kann den Studenten von heute nicht vorwerfen, dass sie in eine andere Zeit hineingeboren sind. Es gibt keine reaktionären Fürsten mehr, die man stürzen müsste wie 1848. Es gibt auch keine alten Nazis auf Führungsposten und keinen Vietnamkrieg. Dies waren die Themen, die die Studenten 1968 politisierten, an denen sich der Protest entzündete. Diese großen Kämpfe bis hin zur Systemfrage - Kapitalismus oder Kommunismus - sind beendet.

Dennoch gibt es genug Anlass zum Widerspruch: Das fängt an mit dem Leistungsdruck und den engen Vorgaben, die die Nachwuchsakademiker einengen, die das Studentenleben zur Durchgangsstation Richtung Berufsleben degradieren. Es gibt genug Anlass, gegen den miserablen Zustand vieler Hochschulen zu protestieren, die unter der Rekordzahl an Studierenden ächzen und die der Staat vernachlässigt. Es gibt Anlass, gegen die Ausbeutung Tausender wissenschaftlicher Mitarbeiter zu protestieren, die mit schlecht bezahlten Zeitverträgen abgespeist werden.

Eine Online-Petition wird nicht reichen

Und es gibt Themen, die darüber hinausgehen, die flächendeckende Überwachung des Internets etwa, die alle betrifft, ganz besonders aber die Studenten, die mehr als jede andere Generation über Facebook, Twitter oder Instagram kommunizieren. Zu diesem Protest müssen sie sich selbst aufraffen, trotz Zeitmangel und Leistungsdruck. Eine Online-Petition wird nicht reichen.

Dass heute viele Studenten politisch desinteressiert sind, muss nicht allzu viel bedeuten. Der Soziologe Ludwig von Friedeburg attestierte den Studenten einst, sie suchten ihr persönliches Glück im Familienleben und der Berufskarriere. "In der modernen Gesellschaft bilden Studenten kaum mehr ein Ferment produktiver Unruhe", schrieb er.

Das war 1965. Drei Jahre später zeigten die Studenten, dass es auch ganz anders geht.

© SZ vom 30.10.2014/jobr

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