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Politikinteresse von Studenten:Kritik an der Generation der Ichlinge ist ignorant

Studieren in Sachsen beliebt

An den Unis herrschen heute vielerorts Zeitmangel und Leistungsdruck.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Die Bildungsministerin kritisiert das politische Desinteresse der Studierenden. Das grenzt an Hohn: Die Bologna-Reform hat den Geist der Effizienz überhaupt erst in die Universitäten gebracht. Anlass zum Protest gibt es dennoch.

Ein Kommentar von Roland Preuß

Es gibt sie noch, die Sitzstreiks und die politisierten Studenten: zum Beispiel vergangenen Winter an der Humboldt-Uni Berlin, wo sich Studenten im Flur niederließen, um eine Abstimmung über die Reform der Fakultäten zu verhindern. Sie soll die demokratische Mitsprache beschneiden, etwas, das Generationen von Studenten mühsam erstritten hatten. Es war fast wie in alten Zeiten in der Hauptstadt der Proteststudenten, allerdings nur im Kleinformat: Fast 34 000 Studierende zählt die Universität, 150 von ihnen machten sich die Mühe, für ihre Rechte zu erscheinen. Die politisch aktiven und streitbaren sind zu einer Splittergruppe zusammengeschrumpft.

Da passt es gut ins Bild, was Bundesbildungsministerin Johanna Wanka nun mithilfe einer Studie über die heutige Hochschüler-Generation zu vermelden hatte: So unpolitisch wie lange nicht sei sie, vor allem an der Karriere, gutem Einkommen und am Privatleben interessiert. Nicht einmal ein Drittel der Studenten gaben an, sich stark für Politik zu interessieren; das ist der geringste Wert seit 20 Jahren.

Wächst da eine Generation der Ichlinge heran? Eine Generation von Anpassern, die sich kaum mehr ums Gemeinwohl schert? Sogar die revolutionärer Umtriebe unverdächtige Wanka appellierte "eindringlich" an die "junge Generation", die politischen Freiheiten zu nutzen und für ihre Belange aktiv zu werden.

Studentenproteste waren schon immer lästig

Das grenzt an Hohn. Denn es waren Wanka und ihre Vorgänger in Bund und Ländern, die die Studenten auf diesen Weg geführt haben.

Studentenproteste waren Bildungspolitikern schon immer lästig: Man ignorierte sie, wenn man konnte, vereinnahmte sie, um mehr Geld zu bekommen oder umarmte die Nachwuchsakademiker voller Verständnis wie 1997 Bildungsminister Jürgen Rüttgers. Dann aber machte man die Räume enger: Ein Studium ist heute viel durchgeplanter, verschulter als vor der Bologna-Reform von 1999, die Bachelor, Master und die ständige Leistungsmessung durch Prüfungen und Credit Points brachte.

Der Druck ist gestiegen, das zeigen neuere Studien. Der Geist der Effizienz ist durch die Hochschulen gerauscht, hat den Studenten den Freiraum genommen - für Bildung neben dem Pflichtkanon und für Protest: Credit Points statt Sitzblockade.

Anlass zu Protest und Widerspruch gäbe es genug

Es versiegt eine Hauptquelle produktiver Unruhe im Land. Diese Rolle der Studenten zieht sich durch die Geschichte: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren es Studenten, die auf dem Hambacher Fest 1832 Rede- und Pressefreiheit forderten und die ein Jahr später die Konstablerwachse in Frankfurt stürmten, um eine Revolution auszulösen. Studenten kämpften in der Revolution 1848/49 für ein bürgerlich-demokratisches Deutschland. 1968 veränderten sie durch ihre Proteste Politik und Kultur. Heute vernimmt man so etwas nur noch aus Hongkong, wo Studenten gegen autoritäre Vorgaben aus Peking protestieren.

Man kann den Studenten von heute nicht vorwerfen, dass sie in eine andere Zeit hineingeboren sind. Es gibt keine reaktionären Fürsten mehr, die man stürzen müsste wie 1848. Es gibt auch keine alten Nazis auf Führungsposten und keinen Vietnamkrieg. Dies waren die Themen, die die Studenten 1968 politisierten, an denen sich der Protest entzündete. Diese großen Kämpfe bis hin zur Systemfrage - Kapitalismus oder Kommunismus - sind beendet.

Dennoch gibt es genug Anlass zum Widerspruch: Das fängt an mit dem Leistungsdruck und den engen Vorgaben, die die Nachwuchsakademiker einengen, die das Studentenleben zur Durchgangsstation Richtung Berufsleben degradieren. Es gibt genug Anlass, gegen den miserablen Zustand vieler Hochschulen zu protestieren, die unter der Rekordzahl an Studierenden ächzen und die der Staat vernachlässigt. Es gibt Anlass, gegen die Ausbeutung Tausender wissenschaftlicher Mitarbeiter zu protestieren, die mit schlecht bezahlten Zeitverträgen abgespeist werden.

Eine Online-Petition wird nicht reichen

Und es gibt Themen, die darüber hinausgehen, die flächendeckende Überwachung des Internets etwa, die alle betrifft, ganz besonders aber die Studenten, die mehr als jede andere Generation über Facebook, Twitter oder Instagram kommunizieren. Zu diesem Protest müssen sie sich selbst aufraffen, trotz Zeitmangel und Leistungsdruck. Eine Online-Petition wird nicht reichen.

Dass heute viele Studenten politisch desinteressiert sind, muss nicht allzu viel bedeuten. Der Soziologe Ludwig von Friedeburg attestierte den Studenten einst, sie suchten ihr persönliches Glück im Familienleben und der Berufskarriere. "In der modernen Gesellschaft bilden Studenten kaum mehr ein Ferment produktiver Unruhe", schrieb er.

Das war 1965. Drei Jahre später zeigten die Studenten, dass es auch ganz anders geht.

© SZ vom 30.10.2014/jobr

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