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Podiumsdiskussion mit Ursula Sarrazin:Handzahme Streitfigur

Menschen bei Maischberger - Ursula Sarrazin

Umstrittenes Pärchen: Wie ihr Mann Thilo Sarrazin sorgte auch Ursula Sarrazin (Archivbild) mit kontroversen Thesen für Schlagzeilen.

(Foto: dpa)

Als "Monster-Lehrerin" wurde Ursula Sarrazin bezeichnet. Damals, als sie mit ihrem Buch "Hexenjagd" harsche Kritik am Berliner Schulbetrieb übte. Mit dem umstrittenen Machwerk tritt die Ex-Lehrerin noch immer auf - doch heute ist der Schaum vorm Mund weg.

Von Johann Osel, Köln

Sie wirkt keineswegs griesgrämig und verbissen, wie sie schon in manchen Porträts beschrieben wurde. Ursula Sarrazin sitzt fast entspannt auf dem Podium, spricht ungezwungen, ein Lächeln huscht immer wieder über ihr Gesicht. Die inzwischen ehemalige Grundschullehrerin sowie Gattin des Ex-Politikers, Ex-Bundesbankers und umstrittenen Autors Thilo Sarrazin ist nach Köln geladen, auf das Podium des Verbands der Bildungswirtschaft, der dort bis Samstag die Fachmesse Didacta abhielt.

"Lehrer zwischen den Fronten" lautet der Titel der Veranstaltung. "Hexenjagd" hieß ihr Buch, mit dem sie vor einigen Monaten Trubel auslöste. Es geht darin um "Mobbing einer engagierten Lehrkraft", Sarrazin versucht zu schildern, welch übles Spiel Schüler, Kollegen, Eltern und Behörden angeblich mit ihr getrieben haben, aus "Willkür, Opportunismus und Bosheit". Mit markigen Worten priesen die Messe-Macher den Gast an - Lehrer sind schließlich das Hauptpublikum der Schau, ein wenig kollektives Klagen über die Mühen des Jobs dürften da verfangen. Meinte man.

Rund ums Podium herrscht reger Messebetrieb, eine Gruppe Lehrerinnen stellt einem Verlagsvertreter in rheinischem Singsang Fragen zu den neuesten Lernmaterialien, Schüler blamieren sich beim Quiz am Stand des Bundestages, in einer Ecke brutzeln Schul-Caterer Snacks. Ursula Sarrazin schleicht sich förmlich zur Bühne, eine handzahme Streitfigur ist heute zu Gast, man glaubt im ersten Moment, eine Schauspielerin vorgesetzt zu bekommen und nicht die Autorin der "Hexenjagd".

Beschwerden, Prozesse, Aktenvermerke, Medienberichte

Zwei Jahrzehnte habe sie im Westen unterrichtet, berichtet sie im Buch - problemlos. 1999 zog sie mit ihrem Mann in die Hauptstadt und da wurde alles anders. Sarrazin beschreibt Berlin und das dortige Schulsystem als Heimstätte von Disziplinlosigkeit und Dilettantismus: Kollegen, die "in nicht-formalisierten Verhältnissen" als Single oder ohne Trauschein lebten, führt sie auf, Lehrer, die sich bei den Schülern anbiedern und Einsen "geradezu inflationär" vergeben; gedeckt durch Schulleiter, die kritische Geister kaltstellen und eine Schulbehörde, in der "Drahtzieher" sie "vernichten" wollten; dreiste Schüler, deren Eltern es "nicht als ihre Aufgabe ansehen, dem Kind Anstrengungsbereitschaft zu vermitteln", die stattdessen in der Schule mitmischen, wie es ihnen gar nicht zustehen sollte.

Beschwerden, Prozesse, Aktenvermerke, Medienberichte - der Fall Sarrazin hat sich aufgeschaukelt, beide Seiten von Sturheit blockiert, 2011 quittierte sie den Dienst wegen Mobbings; und weil sie mit ihrer Haltung ohnehin keine Chance mehr in dem System habe, dessen Prinzip sei: "Schon über Leistungsunterschiede auch nur zu reden, ist tendenziell ungehörig und eigentlich menschenfeindlich."

Damit hat sich Sarrazin offenbar alles von der Seele geschrieben, der Schaum vorm Mund ist weg. Über die Kinder sagt sie auf der Messe: Früher seien sie nicht so selbstbewusst aufgetreten - "aber stabiler in der Gesamtverfassung als die heutige Generation". Und, etwas resigniert: "Gegen den Unterhaltungswert eines Computerspiels kommt kein Lehrer an."

Die rückgratlosen Lehrerkollegen aus dem Buch? Hätten halt Angst gehabt, den Mund aufzumachen. "Wer Kritik übt, steht schnell als einer von gestern da." Die Elternschaft, die ihr laut Buch das Leben zur Hölle machte, bekommt sachte Kritik: "Früher waren Eltern bereit, Einschätzungen über ihr Kind anzunehmen, heute wird alles infrage gestellt." Väter und Mütter sähen die Schulen nur noch als "Serviceunternehmen, wie das Kindermädchen, das sie angestellt haben."

"Ich wurde als Monster-Lehrerin bezeichnet"

Und die Schulverwaltung, durch deren Kabale sie sich im Buch an einen Roman von Kafka erinnert fühlte? Man sollte - "ein Tipp für junge Lehrer" - sich über seine Rechte und Pflichten informieren.

Es ist der ruhige Ton einer Lehrerin im Vorruhestand - ohne Bezüge, wie sie betont. Die Prominenz ihres Mannes habe Nachteile gebracht, schon als er Finanzsenator wurde, hätten Kollegen sie plötzlich nicht mehr gegrüßt. Beim Erscheinen von "Deutschland schafft sich ab" mit seinen kontroversen Thesen "wurde es immer schlimmer". Jedoch: Sarrazin kann es sich leisten, ohne Bezüge der Schule den Rücken zu kehren.

"Ich wurde in der Presse als Monster-Lehrerin bezeichnet, da kann man keinen Schüler mehr ernsthaft unterrichten", sagt sie zum Schluss. Die Zuschauerschaft schaut bedröppelt, manche nicken, einige nehmen Reißaus zu Verlagsständen und Catererküchen, es gibt höflichen Applaus - manche hatten sich wohl einen Paukenschlag erhofft.

© SZ vom 25.02.2013/jobr

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