Plagiats-Vorwürfe gegen Schavan:"Charakteristik einer plagiierenden Vorgehensweise"

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Schavan hatte in Düsseldorf Erziehungswissenschaften studiert und dort 1980 mit der Dissertation "Person und Gewissen" abgeschlossen. Zudem hat sie damals eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, dass sie die Arbeit "selbst und ohne unerlaubte Hilfe" verfasst habe. Wegen eines möglichen Verstoßes gegen die Erklärung könnte sie nun auch rechtliche Probleme bekommen. Ihre Gutachter waren Gerhard Wehle und Werner Heldmann, ihr Urteil damals: gut bis sehr gut (opus admodum laudabile, entspricht heute magna cum laude).

Rohrbacher schreibt in dem Gutachten, auffällig an Schavans Doktorarbeit sei die "besondere Dichte von Befundstellen im zweiten Teil". In dem Abschnitt beschäftigte sich Schavan mit "Theorien über das Gewissen". Es ergebe sich das "charakteristische Bild einer plagiierenden Vorgehensweise", heißt es in dem Gutachten. Wie schon im Falle Guttenberg gilt als Indiz für die Täuschungsabsicht, dass es nicht um ein paar wenige Stellen gehe, die man als Versehen entschuldigen könnte. Der Gutachter wirft Schavan vor, dass sie auch zum Ende des Textes hin eine eigenständige Rezeptionsleistung signalisiere, "die jedoch offensichtlich nicht gegeben ist".

Verstoß gegen wissenschaftliche Regeln

Schavan sind offenbar bei ihrer Arbeitsweise auch unangenehme Fehler unterlaufen. So wirft ihr der Gutachter vor, sie habe ungeprüft ein Zitat übernommen, das aus einem Sekundärtext stamme. Dabei sei es Schavan entgangen, dass die Passage nicht von Alfred Adler, wie Schavan behaupte, sondern von einem Gerhard Adler verfasst worden sei. An anderen Stellen beziehe sich Schavan auf Sigmund Freud, Niklas Luhmann und Jean Piaget - doch Rohrbacher glaubt nachgewiesen zu haben, dass sich die Politikerin dabei auf Sekundärtexte anderer Autoren verlassen hat. Zum Teil fehlen sogar die Verweise auf die verwendeten Sekundärtexte - es handelt sich dann um einen besonders gravierenden Verstoß gegen die wissenschaftlichen Zitierregeln.

Nach einer ersten Reaktion auf die Vorwürfe hatte Schavan monatelang öffentlich dazu geschwiegen. Am Wochenende nun wehrte sie sich. "Es trifft mich. Es trifft mich im Kern. Es trifft den Kern von dem, was mir wichtig ist", sagte sie am Sonntag der Süddeutschen Zeitung. "Ich habe sorgfältig gearbeitet. Hier und da hätte man auch noch sorgfältiger formulieren können. Heute merke ich zum Beispiel, dass ich damals bei Freud noch ziemlich verdruckst war."

Schavan hatte, nachdem die ersten Vorwürfe im Frühjahr bekannt wurden, beteuert, sie habe nach bestem Wissen und Gewissen ihre Arbeit geschrieben und die Vorwürfe abwegig genannt. Nun wird sie sich schon bald gegenüber der Universität erklären müssen. In den vergangenen Monaten hatte nicht nur Guttenberg seinen Titel verloren, sondern auch andere Politiker wie Silvana Koch-Mehrin (FDP), die sich dagegen juristisch wehren will. Der Fall Schavan ist deshalb ein besonderer, weil ihre Arbeit schon recht lange zurückliegt. In der Wissenschaftsszene wird diskutiert, ob nicht auch bei Promotionen Regelverstöße verjähren sollten. Als Bildungsministerin ist Schavan aber auch unabhängig von einem Titelentzug in großer Bedrängnis. Regelmäßig muss sie an Universitäten auftreten, mit Professoren sprechen, Intellektualität verkörpern. Das könnte nun sehr schwierig werden, vielleicht unmöglich.

Eine ausführliche Reportage über Annette Schavan und die gegen sie erhobenen Plagiatsvorwürfe lesen Sie morgen auf der Seite 3 der Süddeutschen Zeitung.

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