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Pisa:Sag mir, woher du kommst

Bildung hängt in Deutschland weiter stark vom Elternhaus ab. Nach dem Pisa-Schock hat sich daran nur wenig geändert.

Von Paul Munzinger

Der Pisa-Schock traf Deutschland Anfang des Jahrtausends wie ein Blitz aus (nahezu) heiterem Himmel. Deutsche Schüler, so lautete das Ergebnis, konnten nicht nur schlechter lesen und rechnen als der OECD-Durchschnitt - das hiesige Schulsystem erwies sich auch als besonders ungerecht. In keinem anderen Industrieland entschied die Herkunft stärker über den Bildungserfolg. Sage mir, wo du herkommst, und ich sage dir, was aus dir wird.

Seitdem ist vieles passiert. Der Chancenspiegel, von der Bertelsmann-Stiftung, der TU Dortmund und der Universität Jena vor wenigen Wochen veröffentlicht, zog insgesamt eine vorsichtig positive Bilanz. Das Schulsystem sei insgesamt durchlässiger geworden, immer mehr Schüler verließen die Schule mit Abitur, immer weniger ohne Abschluss. Der Ausbau von Ganztagsschulen - eine der Lehren von Pisa - komme voran. Das große Aber: Schüler aus sozial benachteiligten Familien tun sich immer noch schwer. In der neunten Klasse etwa hinken sie ihren Klassenkameraden aus privilegierten Familien noch immer um ganze zwei Schuljahre hinterher. Und während immer weniger deutsche Schüler ohne Abschluss ins Erwachsenenleben starten, stieg die Zahl bei ausländischen Schülern zuletzt sogar wieder an. In Sachsen liegt die Quote bei 27 Prozent.

Die Verlierer: Kinder aus Arbeiter- und Einwandererfamilien

Der Nationale Bildungsbericht, den Bildungsministerin Johanna Wanka im vergangenen Jahr vorstellte, kam zu dem Fazit: Dem deutschen Bildungssystem sei es trotz beträchtlicher Bemühungen noch nicht gelungen, den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg nachhaltig aufzubrechen. Die Verlierer: Kinder aus Arbeiter- und Einwandererfamilien. Besonders viele von ihnen finden sich in Nordrhein-Westfalen, Bremen und Berlin, die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind beträchtlich. Wo ein Kind herkommt, entscheidet häufig über dessen späteren Werdegang - dies gilt nicht nur mit Blick auf die soziale, sondern auch auf die regionale Herkunft.

Die Gründe sind vielfältig. Der Alltag hängt in vielen Familien stark vom Bildungsstand der Eltern ab. Haben sie einen hohen Schulabschluss, dann lesen sie ihren Kindern zum Beispiel häufiger vor. Im Vorschulalter besuchen Kinder aus Arbeiter- oder Migrantenfamilien deutlich seltener etwa eine Musikschule. Auch die Versuche der Politik, Kinder aus bildungsfernen Familien früher an Bildung heranzuführen - etwa durch einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz - fruchten nur bedingt. Je geringer der Schulabschluss der Eltern, desto weniger profitieren die Kinder von diesen Angeboten. Und knapp ein Viertel der Schüler wurde als förderbedürftig in Deutsch eingestuft - fast 40 Prozent sind es bei Migrantenfamilien, aber immerhin auch 21 Prozent der Kinder aus Familien, die zu Hause Deutsch sprechen.

Was also tun? Viele Bildungsforscher und -politiker sehen in der Ganztagsschule einen Schlüssel zu mehr Chancengerechtigkeit. Angesichts von immer mehr Schülern mit nicht-deutschem Hintergrund gilt zudem das möglichst frühe Erlernen der deutschen Sprache als Voraussetzung. Doch es gibt auch Stimmen, die auf die Grenzen dieser Bemühungen aufmerksam machen. "Ein Bildungssystem, das frei ist von sozialer Ungleichheit, ist eine Illusion", warnte nach der Vorstellung des Nationalen Bildungsberichts der Berliner Bildungsforscher Kai Maaz, einer seiner Mitverfasser.

© SZ vom 30.03.2017
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