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Psychische Krisen im Studium:"Noten sagen wenig über die Eignung aus"

Die Studienzeit ist inzwischen weniger eine Phase des sich Ausprobierens, in der die Bewältigung von Ängsten und Identitätskrisen erlernt werden kann, sondern immer häufiger eine durch Hektik, Leistungsdruck und das Abhaken von Pflichtmodulen geprägte Lebensphase. Kritisch sieht Psychotherapeut Reich deshalb den enormen Leistungsdruck, der auf jungen Menschen lastet. Wer nicht den richtigen Numerus clausus erreicht, darf nicht das Fach seiner Wahl studieren, wer nicht die richtige Bachelornote erreicht, wird nicht zum Master zugelassen. "Eine blödsinnige und sinnlose Entwicklung", sagt Reich. "Denn Noten sagen oft sehr wenig über die Eignung aus. So sind Druck und Ängste hoch. Und der breite Blick für den Kontext fehlt." Kein Wunder also, dass im TK-Gesundheitsreport als wichtigste Stressauslöser nicht nur Prüfungen (52 Prozent) und der Lernstoff (28 Prozent) genannt werden, sondern auch die Angst vor schlechten Noten (26 Prozent) und davor, keinen Job zu finden (23 Prozent).

Kontakte pflegen und in der Gruppe arbeiten

Wie können Studierende der Stressfalle entgehen? Gar nicht so leicht. Psychotherapeut Reich rät Studierenden, an der Uni frühzeitig soziale Kontakte zu pflegen und in Gruppen zu arbeiten. Gemeinsam ließen sich neue Erfahrungen und Belastungen besser bewältigen. Außerdem sei es wünschenswert, wenn sie gelegentlich etwas lockerer ließen: Gerade die Leistungsorientierten mit hervorragenden Abiturnoten setzten sich oft zu stark unter Druck. Die viel beschworene Life-Work-Balance ist also auch für Studenten wichtiger denn je, denn ein gutes Gleichgewicht zwischen Beanspruchung und Erholung, zwischen akademischem Lernen und sozialem Leben mit Sport und Freizeitterminen trägt dazu bei, Erschöpfungszustände zu vermeiden.

Außerdem gibt es viele Möglichkeiten, das Bachelorstudium zu entzerren. "Das System ist relativ elastisch", erklärt Psychoanalytiker Rückert. "Oft kann man mit der Uni gut aushandeln, welche Leistungen im kommenden Semester erbracht werden sollen. Man könnte seinen Bachelor ohne große Probleme erst nach zwölf Semestern machen." Er selbst rate stets dazu, sich im Bachelorstudium Zeit zu lassen.

Doch was, wenn der Druck überwältigend wird? Hilfe gibt es in universitären Beratungsstellen. Die psychotherapeutische Ambulanz für Studierende an der Uni Göttingen etwa bietet Studierenden gezielt Diagnostik, Beratung und Behandlung bei depressiven Krisen, Ängsten oder auch Lern- und Leistungsstörungen. Doch auch die Universitäten sind in der Pflicht: Würden Professoren und Lehrbeauftragte in der Erkennung von psychischen oder sozialen Belastungen ihrer Studenten gezielt geschult, könnten sie früher auf diese Schwierigkeiten eingehen. In Göttingen ist dies bereits der Fall.

Manchmal nämlich hilft, wie bei Lena Zimmermann, schon ein gutes Gespräch. Die Biologiestudentin ging nach den Weihnachtsferien in die Sprechstunde ihrer Professorin, um über ihre Ausstiegspläne zu sprechen, und war erstaunt, dass diese sie davon abzubringen vermochte. "Meine Professorin sagte, dass es ihr früher genauso ergangen sei und dass ich es noch etwas länger ausprobieren solle", erinnert sich Lena Zimmermann. "Sie nahm mir auch die Angst, im Studium nicht mithalten zu können. Am Ende gab sie mir den Tipp, in eine WG zu ziehen." Das tat die Biologiestudentin und fand in ihren neuen Mitbewohnern schnell eine Art Ersatzfamilie. Nun steht sie schon kurz vor dem Abschluss. Und möchte nächstes Jahr dann noch weiter weg: Ihren Master will Lena Zimmermann in Schweden machen.

© SZ vom 12.11.2015/edi
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