Pädagogik:Smartphones im Unterricht - und die Frage der Disziplin

Wie lässt sich das Smartphone noch sinnvoll im Unterricht nutzen?

Schüler sollten lernen zu filmen und ein Interview zu machen, das sollte jeder beherrschen in dieser Medienwelt. Unsere Lieblingsprojekte sind Reportagen mit dem eigenen Smartphone. Die Jugendlichen organisieren Termine, etwa mit Lokalpolitikern oder Verwaltungsbeamten zu Hochwasser oder zur Umgehungsstraße - und davor recherchieren sie selbst dazu. Wenn man lernt, wie man recherchiert, kann man Nachrichten auch besser beurteilen.

Dreht es sich nicht letztlich um die Grundfrage: Setzt man auf Regeln oder auf einen reifen Umgang mit den Geräten, auf Verbote oder auf Selbstdisziplin?

Genau das ist es. Und zwar nicht nur beim Thema Handy. Wir nennen es Reflexion der eigenen Medienbiografie der Jugendlichen, also: Was gucke ich überhaupt, warum interessiert mich diese Netflix-Serie? Eben das passiert bisher nicht, weder im Gespräch mit Lehrern noch mit Eltern. Aber das wäre nötig.

Wie erreicht man diese Disziplin?

Nach unserer Erfahrung fängt es damit an, sich für das zu interessieren, was die Schüler konsumieren, auf Netflix, auf Youtube oder anderswo. Da steigen die Jugendlichen sofort ein. Das funktioniert, wenn sie sich auf Augenhöhe behandelt fühlen und nicht den Eindruck haben, da prüft sie jemand ab. Zudem kann man die Rolle der Industrie beleuchten, die Tricks, wie Unternehmen mit der Smartphone-Nutzung Geld verdienen, die Musikindustrie, die Werbeindustrie. Die haben ein Interesse daran, dass die Leute möglichst lange am Handy sind. Viele Schüler sagen dann: Das habe ich gar nicht gewusst!

Dennoch bleibt die Frage: Wo soll das Gerät hin, wenn es im Unterricht nicht gebraucht wird?

Es gibt vielversprechende Modelle, etwa das sogenannte Handy-Hotel. Da schalten die Schüler das Gerät in den Flugmodus und legen es im Klassenzimmer in Fächer aus Holz. Dann können alle im Unterricht für eine Aufgabe schnell darauf zugreifen - und es schnell wieder zurücklegen. Sie behalten das Gerät so auch im Blick, denn wenn es verloren ginge, wäre das für viele Schüler eine Katastrophe. Da muss jede Schule ihr eigenes Modell finden.

Wenn das Handy fort ist, kann auch nicht mehr im Netz gemobbt werden. Laut Studien fühlte sich jeder fünfte Schüler schon einmal in sozialen Netzwerken angegriffen. Auch das spricht fürs Weglegen.

Ich glaube nicht, dass die Mobbingfälle abnehmen, weil das Smartphone sechs Stunden weg ist. Es geht um die Schüler, die das machen, mit denen muss man arbeiten. Wie gehe ich mit fremden Menschen um? Das lernen Kinder und Jugendliche heute von Youtubern oder aus dem Privatfernsehen. Das hat die Kultur verändert. Wir wissen, dass Medien charakterbildend sind.

Also in Deutsch lieber mal Youtuber-Auftritte analysieren als noch eine Lektüre von Heinrich von Kleist?

Wieso nicht beides? Den Umgang der Menschen miteinander in so einem Video und bei Kleist kann man ja mal gegenüberstellen. Es gibt in sozialen Netzwerken wunderbare Geschichten und Programme, da erzählen Youtube-Stars, wie es ihnen früher mit dem rauen Umgangston im Netz ging. Sehr lehrreich.

© SZ vom 14.08.2018/sama
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