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Online-Unterricht:Riskante Konferenzen

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Das NRW-Schulministerium wirbt in seinem Bildungsportal für die Videokonferenzfunktion der Lernplattform Logineo. Foto: Screenshot

Nordrhein-Westfalen gibt ein Videokonferenzsystem für Schulen frei, das nicht sicher ist. Niemand muss sich mehr identifizieren oder einloggen.

Von Christian Füller

Einer der jüngsten Fälle trug sich in Bayern zu. Eine Achtjährige sah im Videounterricht plötzlich nicht mehr ihre Lehrerin, sondern einen Mann, der sich nackt auszog. Der Eindringling hatte die Pädagogin zuvor aus dem Videochat entfernt. Solche Vorfälle gibt es immer wieder. In Nordrhein-Westfalen droht nun das neue Videokonferenzsystem im Lernportal "Logineo NRW" zu einer Falle zu werden. "Es kann eigentlich nur wenige Tage dauern, bis die ersten Lehrkräfte auf die Nase fallen, weil deren Videokonferenzräume gekapert werden", verriet ein Lehrer der SZ.

Im bevölkerungsreichsten Bundesland ist der Lernraum "Logineo NRW" riskant konstruiert. Jeder kann die Videokonferenz einer Klasse betreten, sofern er den Link dazu bekommt, etwa von indiskreten Schülern. Egal, ob Schüler oder wildfremder Nutzer, niemand muss sich mehr identifizieren oder einloggen. Wer auf den Link klickt, befindet sich mitten im virtuellen Klassenraum.

Dort lauert eine zweite Schwäche des Konferenzsystems: Jeder Teilnehmer kann seinen Bildschirm teilen, das heißt er kann Schülerinnen und Schülern alle Inhalte sichtbar machen, die er zeigen will - auch fremde Zuschauer können das. "Die machen dann flott per Bildschirmfreigabe einen Porno an und haben Spaß", sagt der Lehrer, der seinen Namen nicht nennen will. Mehrere Lehrer bestätigten die Fehlkonstruktion. "Ich sehe die Brisanz dieses Problems", sagt etwa der Mitarbeiter eines Medienzentrums in NRW. Das Konferenzsystem ist erst vorvergangene Woche in Betrieb gegangen, jeder der knapp 180 000 Lehrer Nordrhein-Westfalens kann es nutzen.

Was alles passieren kann, erfuhren Schüler und Lehrer in den letzten Wochen

Was alles in Videokonferenzen passieren kann, erfuhren Schüler und Lehrer verstärkt in den letzten Wochen. Am harmlosesten ist es noch, wenn Schüler ohne Erlaubnis ein Tiktok-Video teilen. In Florstadt (Hessen) loggte sich ein Nutzer mit Mädchennamen ein - und spielte einer zweiten Klasse ein Pornovideo vor. In Mannheim trat plötzlich ein Mann mit Maske und Waffe in der Videokonferenz auf. Aber die potenziellen Risiken sind größer. "Ein derart ungeschützter Raum öffnet ein weiteres Spielfeld für Täterinnen und Täter, die Kinder schockieren wollen - oder auch solche, die Kontakt aufnehmen, um sexuelle Gewalt auszuüben", sagt Julia von Weiler von der Kinderschutzorganisation "Innocence in Danger". "Es ist nicht nachvollziehbar, dass ein Tool, das im Auftrag eines Kultusministeriums entwickelt wird, eine derart gravierende Schwachstelle besitzt."

Nach SZ-Informationen wurden die Schulbehörden bereits im Dezember auf den Konstruktionsfehler hingewiesen. Trotzdem haben sie den unsicheren Videoraum nun für Lehrer und Schüler zur Nutzung freigegeben. Auch aus einem Nutzerchat von Lehrern für "Logineo NRW" heraus wurde das zuständige "Kommunale Rechenzentrum Niederrhein" informiert. "Völlig unbrauchbar", schrieb ein Teilnehmer, das System dürfe so nicht genutzt werden. Warum wird das Problem nicht sofort behoben? "Die arbeiten gerade Schritt für Schritt einen Berg von Fehlermeldungen des neuen Systems ab", hieß es.

Das Schulministerium von Yvonne Gebauer (FDP) bestätigte das Problem auf Anfrage indirekt. "Eine Weiterleitung des Links an Externe erfolgt jedoch entgegen der Einwilligung in die Nutzungs- und in die Datenschutzbedingungen des Logineo NRW Messengers", sagte ein Sprecher der SZ. Man lasse derzeit prüfen, "welche technischen Möglichkeiten bestehen, um einer regelwidrigen Teilnahme an Videokonferenzen entgegenzuwirken".

© SZ vom 01.02.2021
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