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Odenwaldschule:Dialogbemühungen mit dem geschassten Vorgänger

Die neue Leitung sucht erklärtermaßen auch gedeihliche Kontakte zu ihren unmittelbaren und unbescholtenen Vorgängern. So möchte sich der neue Geschäftsführer gern gütlich mit dem bisherigen Schulleiter Siegfried Däschler-Seiler einigen. Die Schule hatte sich 2014 mit einer außerordentlichen Kündigung von ihm getrennt. Däschler-Seiler klagte dagegen mit Erfolg vor dem Arbeitsgericht Darmstadt. Der bisherige Schulleiter genießt in Kreisen der Opfer den Ruf, sich ernsthaft um einen Dialog bemüht zu haben.

Halfen-Kieper und seine neuen Kollegen würdigten die Opfer des Missbrauchsskandals in den Siebziger- und Achtzigerjahren und deren Arbeit. Internatsleiterin Mayoufi sprach von einer "großen Wertschätzung" für den Verein "Glasbrechen", dessen Mitglieder den Mut gehabt hätten, das Schweigen über den Missbrauch zu brechen. Halfen-Kiefer zeigte Bereitschaft, auf finanzielle Wünsche des Vereins einzugehen, verwies aber auf die knappen finanziellen Mittel. "Die Schule geht an den Rand dessen, was sie verkraften kann."

Der Verein, der die Opfer vertritt, fordert 3000 Euro im Monat als Unterstützung

Der Verein "Glasbrechen" betrachtet den Neuanfang noch mit Skepsis. "Nur wenn alle Bedingungen der Behörden erfüllt sind, hat die Schule eine Chance auf eine dauerhafte Betriebsgenehmigung", sagt der Vereinsvorsitzende Adrian Koerfer. "Wenn die neuen Verantwortlichen eine Aussöhnung mit uns nicht hinbekommen, können sie das vergessen." Glasbrechen fordert einen Betrag von mindestens 3000 Euro im Monat, mit dem die Schule den Verein unterstützen soll. Dies sei bereits im Herbst 2012 versprochen worden.

Unter den vielen Missbrauchsopfern gibt es keine einhellige Meinung über die Zukunft der Schule. Neben denen, die finden, das Internat müsse noch eine Chance bekommen, fordern andere schon lange, die Schule zu schließen. Zu ihnen gehört der ehemalige Schüler Andreas Huckele, der bereits Ende der Neunzigerjahre Missbrauchsfälle öffentlich machte, aber erst im zweiten Anlauf vor fünf Jahren die Mauer des Schweigens durchbrechen konnte.

Ein von der Schule in Auftrag gegebener Untersuchungsbericht kam 2010 zum Ergebnis, dass mindestens 115 Jungen und 17 Mädchen Opfer sexueller Übergriffe auf dem Internat wurden, die meisten von ihnen in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Mehrere Lehrer vergingen sich demnach immer wieder an Schülern, auch der langjährige Direktor Gerold Becker, der 2010 starb. Der Verein "Glasbrechen" hat in den vergangenen Jahren von etlichen weiteren Fällen erfahren und schätzt die Zahl der Opfer mittlerweile auf etwa 500.

Derzeit läuft eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Missbrauchsgeschichte an der Odenwaldschule durch Wissenschaftler der Universität Rostock und eines Instituts in München.

© SZ vom 06.02.2015/chwa

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