Odenwaldschule Drei für den Neuanfang

Ein neues Führungsteam will die von einem Missbrauchskandal erschütterte Odenwaldschule reformieren.

(Foto: dpa)
  • Ein neues Leitungsteam will die kriselnde Odenwaldschule neu aufstellen. Der frühere Banker Marcus Halfen-Kieper ist neuer Geschäftsführer, die Erziehungswissenschaftlerin Sonya Mayoufi wird Internatsleiterin und der Pädagoge Rainer Blase neuer Schulleiter.
  • Das Team will offen kommunizieren, neue Schüler auch im Ausland rekrutieren und mit den Missbrauchsopfern zusammenarbeiten.
  • 2010 war herausgekommen, dass mindestens 115 Jungen und 17 Mädchen Opfer sexueller Übergriffe in dem Internat wurden, die meisten von ihnen in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Zu den Tätern gehörte unter anderem auch der langjährige Direktor Gerold Becker, der 2010 starb.
Von Susanne Höll und Tanjev Schultz, Heppenheim/München

Einen Neuanfang hat es an der Odenwaldschule zuletzt ziemlich oft gegeben. Und auch das Versprechen, es endlich richtig zu machen. Aber jedes Mal gab es dann doch wieder Probleme und Querelen. Vielleicht klappt es diesmal? Ein neues Leitungsteam und eine Strategie der Offenheit sollen jetzt die Rettung bringen. Vor fünf Jahren kam der Missbrauchskandal ans Licht, der bundesweit Schlagzeilen machte und das Internat an der Bergstraße auch in finanzielle Nöte stürzte. Die neue Führungsriege, die sich am Donnerstag präsentierte, möchte die private Schule aus der Krise führen und vor einer Schließung bewahren.

Selbstkritische Worte der neuen Führung

Neuer Geschäftsführer ist der 47 Jahre alte Jurist und frühere Banker Marcus Halfen-Kieper, der für den bisherigen Schulstil ungewohnt offene und selbstkritische Worte fand. In der jüngsten Vergangenheit habe die Schule mit den Aufsichtsbehörden, aber auch mit der Öffentlichkeit schlecht kommuniziert, intern habe es große Abstimmungsprobleme gegeben, das Bild der Schule habe gelitten, Vertrauen sei verloren gegangen, sagte Halfen-Kieper. Er sprach von einem "absoluten Organisationsversagen".

Ein neues Aufgebot für die Odenwaldschule: Schulleiter Rainer Blase, Internatsleiterin Sonya Mayoufi und Geschäftsführer Marcus Halfen-Kieper (v.l.).

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Vor fünf Jahren war herausgekommen, dass zahlreiche Schüler in früheren Zeiten von Lehrern missbraucht worden waren. Und 2014 gab es den nächsten Schock: Die Polizei ermittelte gegen einen Lehrer wegen des Besitzes von Kinderpornografie. Der Pädagoge wurde entlassen. Von den Behörden musste sich die Schule damals erneut Kritik anhören. Ihr wurde vorgeworfen, mit Zwischenfällen noch immer nicht transparent umzugehen. Der neue Geschäftsführer kündigte an, dass sich solche Dinge nicht wiederholen würden.

Zum neuen Leitungsteam gehören zudem die Erziehungswissenschaftlerin und Therapeutin Sonya Mayoufi als Internatsleiterin und der Pädagoge Rainer Blase, der im Sommer als Schulleiter anfangen soll. Das hessische Sozialministerium will am Monatsende entscheiden, ob die Schule eine neue Betriebserlaubnis erhält. Einige Forderungen, wie eine verlässliche Leitung, eine neue Trägerschaft sowie die Trennung von Schule und Internatsbetrieb könnten nun erfüllt sein. Die Behörden hegten aber zuletzt noch Zweifel an der Finanzkraft der Schule.

Die Schülerzahl reicht nicht aus

Halfen-Kieper machte aus dem finanziellen Dilemma keinen Hehl. Die Schülerzahl - derzeit sind es 149, davon 69 externe Schüler - reiche nicht aus. Zum Schuljahresende werden ungefähr 40 Jugendliche abgehen. Ob es so viele Neuanmeldungen geben wird, ist unklar. Der Geschäftsführer versicherte, für 2015 reiche das Geld aus. Für die folgenden beiden Jahre seien zwei Millionen Euro nötig; er spreche bereits mit Banken über Kredite. Von 2o17 an, so die Hoffnung des neuen Teams, könnte die Schule bei ausreichenden Neuanmeldungen finanziell saniert sein. Derzeit helfen wohlhabende Altschüler mit Geld aus, einige Grundstücke wurden verkauft, und Mitarbeiter verzichten auf zehn Prozent ihres Gehalts. So aber könne eine Schule auf Dauer nicht seriös finanziert werden, sagte Halfen-Kiefer.

Er und seine neuen Kollegen kündigten an, um Vertrauen für die Schule zu werben, damit Eltern ihre Kinder in den Odenwald schickten. Dabei wirbt die Schule auch im Ausland, etwa in Südamerika und China.