Nebenjobs im Studium:Heute bin ich ein Osterei

Kellnern? Langweilig! Welche aufregenderen Nebenjobs im Studium es gibt - eine Typologie.

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Nebenjobs - eine Typologie: Studentin mit Pistole

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Quelle: SZ

Einen Job finden, der mehr als fünf Euro die Stunde bringen sollte - das war die Mission für diesen Samstag. In jedem Geschäft der Fußgängerzone die gleiche Frage: "Suchen Sie noch Studenten als Aushilfe?" Im Schmuckladen am Ende der Straße nickte die Verkäuferin bedächtig: "Ja, wir suchen." Am Samstag darauf ging es los, Ringe für 1,95 Euro, Ketten für das Doppelte, Mitarbeiter bekamen 50Prozent auf alles. In den Pausen gab es Lachs, Sekt und Mon Chéri, die Kolleginnen waren im besten Frührentner-Alter - und höchst misstrauisch. Bei Ausländerinnen galten spezielle Dienstanweisungen, "denn die stehlen wie die Elstern". Wer versuchte zu diskutieren, wurde zum Putzdienst bei laufendem Betrieb eingeteilt - oder, schlimmer noch, ins Lager zum Katalogisieren geschickt. Jeder 1,95-Euro-Ring hatte eine sechsstellige Nummer, eine weitere dreistellige gab die Farbe an. Die "Schmuckstücke" wurden in Tütchen gesteckt, die wiederum mussten sorgfältig verschlossen werden, um den Staub, der zwischen leeren Sektflaschen und halb vollen Pralinenschachteln im Lager herumwirbelte, abzuhalten. Eines aber machte Spaß: Zu jener Zeit ließen sich die Klein-Gangster der Stadt "Brillanten" ins linke Ohrläppchen schießen. Die Studentin durfte die Pistole bedienen, zitternde Jungs über Risiken und Nebenwirkungen aufklären. "Alles halb so schlimm." Galt irgendwie für uns alle. Charlotte Theile

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So geht Wissenschaft

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Quelle: SZ

Was genau sich hinter dem Studienfach verbirgt, für das er sich da eingeschrieben hat, kann mancher Student zu Beginn seiner akademischen Laufbahn nur erahnen. Die Modulhandbücher helfen meist wenig, viel öfter schaffen sie sogar nur noch mehr Verwirrung: Der Vorlesungstitel "Theorien und Methoden der Politologie" zum Beispiel kann so ziemlich alles bedeuten. Den Studenten könnte hier eine Abhandlung der Ideengeschichte aber genauso eine Einführung in die Statistik erwarten. Auch wie die Professoren vorne am Rednerpult zu ihren Studienergebnissen kommen, bleibt in den ersten Semestern oft vage. Einer jedoch kriegt im besten Fall etwas mit vom Forschungsbetrieb abseits der Seminarräume: die studentische Hilfskraft. Während sich die Kommilitonen fragen, warum die Hilfskraft statt beim Kellnern Trinkgeld einzustreichen, für etwa acht Euro die Stunde ehrgeizig Präsentationsfolien zusammenstellt, weiß sie: Wie wissenschaftliches Arbeiten funktioniert, lernt man hier, in der kleinen Kammer mit Kopierer, sehr viel besser als im Hörsaal. Denn bei der Mitarbeit an der ein oder anderen Studie - auch wenn es auch nur ums Codieren von Umfragedaten geht - offenbart sich der Nutzen der Theorien aus der Vorlesung. Und diese Erkenntnis ist der eigentliche Lohn der studentischen Hilfskraft. Trinkgeld gibt es dafür allerdings nicht. Pia Ratzesberger

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Schmerzensgeld für Ostereier

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Quelle: SZ

Der Job als Osterei brachte zwei entscheidende Vorteile: Anonymität und kostenlose Achterbahn-Fahrten. In dem roten Schaumstoffkostüm, das nur Schlitze für Augen, Arme und Beine ließ, konnte einen selbst im besten Licht keinen der Kommilitonen erkennen. Es war sowieso unwahrscheinlich, dass sich einer von ihnen während der Prüfungszeit hierher verirrte: in den großen Freizeitpark mit bunten Wasserrutschen und Karussells in Pilzform. Glücklicherweise war es nicht die Aufgabe der lebensgroßen Ostereier - in diesen Tagen waren etwa ein Dutzend von ihnen in verschiedenen Farben im ganzen Park unterwegs - kleine Schokoladeneier an gierige Kinder zu verteilen. Nein, der Kundenkontakt war nicht gewünscht. Wegrennen und sich verstecken hieß die einfache Anweisung. Beliebtester Zufluchtsort: die große Achterbahn mit den drei Loopings. Die Parkbesucher sollten die Ostereier finden und aus den von ihnen vergebenen Buchstaben ein Lösungswort bilden, das war die Chance auf einen Gewinn aus dem Produktkatalog der Auftraggeber-Firma. Da die Aktion über mehrere Tage ging, spendierte diese auch die Übernachtung: Das Tipi-Zelt in der Indianerstadt bot zwar ein ungewohntes Schlaferlebnis - hielt jedoch nicht gerade warm. Weil die Ostereier am Ende alle niesten, gab es zu den zehn Euro pro Stunde noch einen kleinen Zuschlag. Schmerzensgeld. Pia Ratzesberger

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Viel, viel Puderzucker

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Quelle: SZ

Schon zwanzig Minuten zu spät - und die Kuchen sind immer noch im Backofen. Die Kinder schreien, weil die Kuchen nicht fertig sind und die Eltern schauen stöhnend auf die Uhr, weil die Kinder nicht fertig sind. Ein Blick auf die Küchenuhr: Noch eine halbe Stunde durchstehen. Aushelfen bei einem Kinderkochkurs, in der Beschreibung klang das noch nett. "Eine professionelle Köchin ist immer vor Ort und kümmert sich um alles, was mit der Küche zu tun hat", hieß es. Der Student sollte für die Bespaßung der Kinder sorgen oder niedere Aufgaben der Speisezubereitung übernehmen: Früchte schälen, Nüsse hacken, Schokolade reiben. Das Problem: Die Köchin meldete sich kurz vor Beginn des ersten Arbeitstages krank. Und die zweite studentische Arbeitskraft, innerhalb einer Stunde von der Aushilfe zum Chefkoch aufgestiegen, konnte leider auch keine einschlägige Küchenkompetenz vorweisen. Sie jobbte hier erst zum dritten Mal: "Wo waren noch einmal die Backbleche?" Gleichzeitig die Mengenangaben im Rezept und die mit Mehl beschmierten Kinder im Blick zu behalten erwies sich deshalb als besonders schwierig. Und dann dieses Gefühl des Ertapptwerdens, als einer der Sechsjährigen nachfragte: "Machst du das heute zum ersten Mal?". Bloß nichts anmerken lassen. Kuchen rausholen. Und viel, viel Puderzucker drüber. Fast nicht mehr schwarz. Pia Ratzesberger

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Stur lächeln und nicken

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Am letzten Tag war es schwer zu sagen, was mehr schmerzte: die Füße, die zu lang in den Pumps eingesperrt waren, oder die Gesichtsmuskeln, längst zur dauerlächelnden Grimasse erstarrt. Beides lange auszuhalten, ohne jemanden unkontrolliert anzuschreien, schien die entscheidende Tugend für diesen Job. Ein Tag als Messehostess, das waren 250 Euro - auf den ersten Blick leicht umzurechnen in zehn Stunden gut bezahltes Herumstehen: Vier Tage an einem Stand, beim Ausfüllen von Formularen helfen und immer recht freundlich sein. Dass die 250 Euro anders umzurechnen waren, wurde aber schon nach zwei Stunden klar: in fünf schlechte Witze pro Stunde, 20 anzügliche Sprüche am Tag und gefühlte 14 000 überreichte Kugelschreiber in vier Tagen. Eigentlich war es keine gute Bezahlung, sondern Schmerzensgeld. Dafür, dass das eigene Gehirn tagsüber mit dem Mantel an der Garderobe am Messeeingang blieb: "Ja, das endet automatisch", "Ja, einen zweiten Kugelschreiber bekommen Sie gern", "Nein, ich studiere noch", "Ja, ich habe einen Freund" lauteten die zentralen Sätze. Und: "Toiletten? Hinten rechts", natürlich. Die Stimme im Hinterkopf flüsterte deshalb immer wieder: "250 Euro, die halbe Miete." Doch das, was vom Gehirn übrig war, schweifte zum Aushang an der Kneipe neben der Uni: "Bedienung gesucht". Gab zwar keine 250 Euro pro Tag. Aber als Kellnerin - da konnte man wenigstens weglaufen. Lea Hampel

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Zum Frühstück nach Paris

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Quelle: SZ

Not mache erfinderisch, heißt es in einem Sprichwort, aber zumeist bedeutet Not: Es gibt keine Alternativen, keinen Platz für Erfindungsreichtum, manchmal ist Not vor allem gefährlich. Der Job als Nachtkurier war eine Übergangslösung, und nicht die schönste. Angestellt als 450-Euro-Kraft beim Subunternehmer eines Kurierdienstes, inmitten all dieser Menschen: Vorbestrafte, Migranten praktisch ohne Deutschkenntnisse, Fahrer ohne Schulabschluss und Hoffnung. Sie hatten teilweise drei Jobs, fuhren in der Nacht bis morgens um sieben Uhr, um gleich anschließend für andere Kuriere unterwegs zu sein. Viele schliefen nur drei Stunden in ihren eigenen zerbeulten Transportern - oder gar nicht. Wenn ein Paket mit Ersatzteilen seinen Weg in den Pfälzer Wald finden musste, über dunkle Strecken ohne Radio- und Handyempfang, wurde ein Freund vorgewarnt und sollte Hilfe bestellen, wenn er nicht zu einer bestimmten Uhrzeit einen Anruf erhielt. Zwei Monate lang ging das gut, nach zwei weiteren Wochen war die Kündigung unterschrieben - ein Luxus, den die Studentin sich leisten konnte. Der nächste Job war wenig besser bezahlt, der Kurierdienst aber sehr viel seriöser. Touren nach Prag und in die Bretagne waren die Entschädigung für den Stundenlohn von 7,50 Euro abzüglich Pausen und Verpflegung. Das reichte immerhin für Croissant und Kaffee in der Morgensonne von Paris. Jan Willmroth

© SZ vom 16. Oktober 2014/jobr
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