NC-Urteil Nicht alle können studieren, aber die Auswahl wird sich ändern

Die Bewerber mit den besten Schulnoten haben auch künftig die größten Chancen auf einen Studienplatz in der Humanmedizin.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Entscheidung des Verfassungsgerichts zum Medizinstudium zwingt die Universitäten, bei der Vergabe von Studienplätzen neue Kriterien anzuwenden. Es fordert von den Hochschulen mehr Aufwand - und Mut zum Risiko.

Von Wolfgang Janisch, Karlsruhe

Ferdinand Kirchhof, Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, schickte der Urteilsverkündung eine Erläuterung voran, die eher eine Warnung war. Der Urteilstenor, den er gleich vorlesen werde, sei selbst für hiesige Verhältnisse sehr paragrafenlastig. Aber das müsse so sein, weil der Tenor nun mal in Rechtskraft "erwachse". Alles müsse drin sein. Man hatte also sechs Minuten Zeit, stehend und lauschend über den Sinn von Formen und Formalien vor Gericht nachzudenken, während sich Kirchhof weitgehend unfallfrei durch die Satzmonster kämpfte. Meta-Ebene der Performance: Das Gericht schlägt eine Schneise durchs Dickicht der Hochschulzulassung.

In der Tat ist es das Hauptverdienst des Numerus-clausus-Urteils, dass es mit einer ganzen Reihe von Absurditäten und Ungerechtigkeiten Schluss macht, die bisher die Vergabe der so überaus begehrten Studienplätze für Medizin prägen. Nur 11 000 Studienplätze stehen für 62 000 Bewerber bereit - da wird Chancengleichheit zur existenziellen Gerechtigkeitsfrage. Bisher gab es zwei ziemlich sichere Wege zum Erfolg: eine 1,0 im Abitur oder die bedingungslose Zähigkeit, mehr als sieben Jahre auf einen Studienplatz zu warten.

Studium "Ich musste das Lernen erst wieder lernen"
Medizinstudium

"Ich musste das Lernen erst wieder lernen"

Einen Medizinstudienplatz zu bekommen, kann ohne 1,0-Abitur viele Jahre dauern. Zwei angehende und ein studierter Mediziner erzählen, wie es ihnen auf dem Weg ins Studium ergangen ist.   Protokolle von Larissa Holzki und Matthias Kohlmaier

Mit seinem Urteil hat der Erste Senat - federführend zuständig war der kurz vor der Verkündung in den Ruhestand gegangene Wilhelm Schluckebier - zwar das Einser-Abi keineswegs bedeutungslos gemacht. Einige Passagen der fast 100 Seiten dicken Entscheidung klingen sogar nach dessen Aufwertung. Die Vergabe von 20 Prozent der Plätze nach Abiturnote gehe völlig in Ordnung, schreiben die Richter. Und beanstanden im Gegenteil, dass die Leute mit den sehr guten Noten - anstatt die Plätze einfach nach Dezimalstellen zu erhalten - sich einem ziemlich unsinnigen Lotteriespiel unterziehen müssen.

Bisher müssen Bewerber nämlich ihre bevorzugten Unis angeben. Wer, sagen wir, am liebsten nach Heidelberg möchte, aber dort nicht zum Zug kommt, der hat womöglich auch für die nachrangig genannten Hochschulen schlechte Chancen - weil dort ebenfalls zuerst die Bewerber mit erster Ortspräferenz genommen werden. Das heißt: Eine gute Note kann durch Pech bei der Ortswahl entwertet werden. Das ist verfassungswidrig.

Und dennoch läutet das Karlsruher Urteil einen schleichenden Abschied vom alles dominierenden Abiturdurchschnitt ein. Medizinstudienplätze werden derzeit zu 60 Prozent nach Auswahlverfahren der Hochschulen vergeben, das ist der Löwenanteil. Wie diese Verfahren auszusehen haben, muss künftig stärker standardisiert und gesetzlich geregelt werden. Das Gericht lässt den Hochschulen zwar einen gewissen Spielraum, verbietet es ihnen aber, eigene Kriterien zu erfinden, nach denen sie die Eignung zum Arztberuf ermitteln wollen. Und vor allem: Bei diesem Teil der Zulassung darf der Gesetzgeber nicht schon wieder einzig auf die Note zurückgreifen, sondern muss andere - nicht "notenbasierte" - Fähigkeiten prüfen.