National Model United Nations:Das ganz große Spiel

Jedes Jahr reisen Tausende Studenten aus aller Welt nach New York, um die Arbeit bei den Vereinten Nationen zu simulieren. Lehre Nummer eins: Diplomatie ist ein mühsames Geschäft.

Von Kathrin Werner

Laura Schwarz ist heute Inderin. "Indien, Sie haben das Wort", sagt die Zeremonienmeisterin. Schwarz steht auf und geht mit festen Schritten nach vorne zum Rednerpult. "Die Republik Indien möchte ihre tiefe Dankbarkeit ausdrücken für die harte Arbeit und die Erfolge, die in den bisherigen, informellen Sitzungen erreicht wurden", sagt die 22-Jährige ins Mikrofon. Dann ruft sie mit einem Zitat von Mahatma Gandhi für die weiteren Verhandlungen zum gegenseitigen Verständnis auf: "Wenn man sich ehrlich bemüht, merkt man schnell, dass was zuerst wie verschiedene Wahrheiten wirkt, in Wirklichkeit zahllose und nur scheinbar vielfältige Blätter des gleichen Baums sind."

Die deutschen Studenten verteilen Visitenkarten, auf denen das indische Wappentier prangt

Schwarz ist nicht aus der Rolle gefallen, sie spricht wie eine indische Abgeordnete bei den Vereinten Nationen. In Wirklichkeit ist sie Studentin im Fach European Studies an der Universität in Magdeburg. Sie ist mit Kommilitonen ihrer Universität und der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität nach New York gereist und nimmt dort an einem internationalen Planspiel teil, den sogenannten National Model United Nations. Mehr als 200 Universitäten machen mit, 2500 Studenten aus der ganzen Welt üben sich hier als UN-Delegierte. Jede Gruppe bekommt ein Land zugeteilt. Die kanadische Brock University ist für Deutschland zuständig, die Universidad de Santiago de Chile für die Ukraine, eine Gruppe aus Weißrussland für die Salomon-Inseln, Studenten aus Taipeh repräsentieren Sri Lanka, Brasilianer die Niederlande. Magdeburg und München stehen gemeinsam für Indien, die bevölkerungsreichste Demokratie.

Die Simulation soll den Studenten helfen, die Abläufe bei den Vereinten Nationen zu verstehen - samt komplizierter Formalitäten und langer Diskussionen. Alles ist so realistisch wie möglich. Den Studenten in Vorlesungen oder Seminaren die Vereinten Nationen nahezubringen, sei sehr schwierig, die Lehrbücher seien "schlecht, blauäugig oder irrelevant", sagt Reinhard Wesel vom Fachbereich Politikwissenschaften an der Magdeburger Universität. "Diese Simulation ist zehnmal besser als 15 Bücher." Er bereitet die Planspiel-Delegierten ein Semester lang auf das Finale in New York vor. Sie lernen die Theorie, Struktur und Funktionsweise der Vereinten Nationen kennen sowie die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des vertretenen Landes. Reinhard Wesel hält es für eine der wichtigsten Lehren des Planspiels, wie anstrengend und frustrierend es sein kann, sich mit 193 UN-Mitgliedstaaten auf irgendetwas zu einigen. "Menschenrechte sind eine mühsame Sache. Hier merken die Leute schnell, dass sie kein Geschenk sind."

Es ist ein großes Spiel, aber die Studenten nehmen es sehr ernst. Sie verteilen sich über die Konferenzräume zweier Hotels mitten in Manhattan, offizielle Sitzungen mit einer Rede nach der anderen wechseln sich ab mit Diskussionsrunden im kleinen Kreis. Alle sprechen englisch miteinander, sie diskutieren über erneuerbare Energien für ländliche Gegenden, Terrorismusabwehr und die Unterstützung von Flüchtlingen. Es ist wichtig, dass sie nie wie deutsche, französische oder amerikanische Studenten klingen, sondern immer wie die Abgeordneten der Länder, die sie vertreten. Die deutsche Delegation war gleich am ersten Abend in New York indisch essen, sie hat Indiens UN-Botschafter getroffen und sich über die außenpolitischen Ziele des Landes ausgetauscht. Bei dem Planspiel verteilen sie extra angefertigte Visitenkarten, in deren rechter oberer Ecke Indiens Wappen prangt, vier Rücken an Rücken stehende Löwen.

Laura Schwarz hat sich als Arbeitsfeld die Frauenrechtskommission der Vereinten Nationen ausgesucht. In den Pausen zwischen den Reden spricht sie mit Vertreterinnen von Korea, Kasachstan, Kongo und Nigeria über Frauenrechte. Eine Herausforderung, "Frauenthemen sind nicht Indiens Priorität", sagt sie. "Das wurde mir schon vorher bei den Recherchen klar." Um Indien überzeugend vertreten zu können, musste sie sich hineindenken in nationale Interessen. Sie argumentiert vor allem für die Belange von Frauen in ländlichen Regionen - wenn diese leichter Unternehmen gründen könnten, profitiere davon die gesamte Wirtschaft. Schwarz will entsprechende Förderprogramme einbringen.

An ihrer Universität wollten viele mitmachen bei dem UN-Planspiel, es gab ein richtiges Bewerbungsverfahren mit Wissenstest und Vorstellungsgespräch, erzählt sie. Sie wollte mehr über die UN lernen, weil sie sich in ihrem Studium eher mit Europa befasst als der Weltpolitik. Über Indien wusste sie vor dem Planspiel nur wenig. Das hat sich geändert. "Indien ist so vielfältig, das macht die Politik für die Regierung sehr schwierig, und die Geschichte ist sehr bewegt", sagt sie. "Ich würde jetzt sehr gerne mal hinfahren und das Land wirklich sehen. Und mehr mit Indern in Kontakt treten. An unserer Uni gibt es viele."

Im Stockwerk über den Frauenrechtlerinnen entwerfen Jere Miinalainen und Arthur Ermatov aus München gemeinsam mit anderen Studenten eine Resolution. Es geht um die Rolle von Wissenschaft und Technik bei der internationalen Sicherheit und der Abrüstung. Die Gruppe will erreichen, dass Indien Zugang zu Technik bekommt, die sich sowohl militärisch als auch zivil nutzen lässt. "Sollten wir hier die Ziele noch mehr betonen?", fragt Miinalainen den Vertreter Bangladeschs. "Wie steht Bangladesch zu dem Begriff inklusives Wirtschaftswachstum?" Indien hat sich mit Bangladesch, Myanmar und Vietnam zusammengetan. "Wir haben ähnliche Interessen", erklärt Miinalainen. "Manche Technologien bleiben uns verwehrt, obwohl wir verantwortungsbewusste Länder sind." Ermatov läuft von einem Delegierten zum anderen und versucht sie zur Unterschrift zu bewegen. "Hat Israel schon unterzeichnet?", fragt er aufgeregt und läuft gleich weiter zum Vertreter Kenias. "Meine Aufgabe ist es, den anderen Ländern verständlich zu machen, wie hilfreich unsere Resolution für sie sein kann", sagt er. "Dazu muss man sich in sie hineinversetzen können. Das ist harte Arbeit."

Diplomatin will Laura Schwarz später nicht werden: "Ich bin einfach zu undiplomatisch"

Die meisten der Münchner und Magdeburger studieren Politikwissenschaften oder Jura, es sind aber auch angehende Mediziner oder Volkswirte dabei. Sie alle mussten einen Großteil der Reise nach New York selbst bezahlen. Fünf Tage dauert das Planspiel, am Ende gibt es Auszeichnungen für besonders gute Verhandlungsleistungen, und natürlich wird im UN-Hauptquartier auch gefeiert. Die höchste Auszeichnung geht an die Delegation aus München und Magdeburg - wie schon in den Vorjahren. Seit 1991 fahren die Münchner zu den Model United Nations nach New York, sie waren die erste deutsche Universität, die mitmachte, und die dritte Gruppe aus dem Ausland überhaupt.

Die Studenten lernen viel, finden Freunde aus dem Ausland, etliche streben nach der Veranstaltung ein Auslandsstudium oder eine internationale Karriere an. Nach dem Verhandlungsmarathon sind sie müde, aber zufrieden. "Die UN sind wirklich sehr bürokratisch", sagt Schwarz. Die vielen Formalien stünden einem schnellen Ergebnis im Weg, anders ließe sich eine so große Organisation aber kaum koordinieren. "Ich verstehe schon, warum es manch-mal so aussieht, als würden die UN wenig erledigen. Es ist wirklich nicht einfach, einen Konsens zu erzielen." In Zukunft werde sie nicht mehr enttäuscht sein, wenn eine UN-Resolution nicht so deutlich ausfällt, wie sie es sich erhofft hat. Nach dem Examen will die Studentin bei einer Organisation wie dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst arbeiten, aber nicht direkt in der Diplomatie. "Da muss man sich immer so zurückhalten. Ich bin einfach zu undiplomatisch."

© SZ vom 03.04.2017
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