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Nachhilfe im Internet:"Am Ende muss es der Schüler verstehen"

Unabhängige Forschung über die Wirksamkeit der Nachhilfe per Youtube-Video gibt es bislang nicht. Wissenschaftler wie Christian Spannagel, Professor für Mathe- und Informatikdidaktik in Heidelberg, fordern sie dringend ein. Es gehe darum, die Chancen für die Schüler zu nutzen und die Gefahren zu verstehen - wobei Spannagel klarmacht, dass für ihn die Chancen die Gefahren bei Weitem überwiegen. "Ein Schüler muss ein Problem lösen und braucht Informationen - warum sollte er sich die nicht in einem Video holen?"

Spannagel weist aber auch darauf hin, dass es in der Schule heute um Kompetenzen gehe - "und die erwerbe ich nicht, indem ich ein Video anschaue". Um einen Stoff zu erlernen, seien Videos deshalb häufig nicht geeignet, wohl aber, um ihn zu wiederholen. Die größte Gefahr sieht er darin, dass es im Internet keine Qualitätskontrolle gebe und dass viele Videos folglich falsche Informationen enthielten - was nicht alle Schüler erkennen könnten.

Auch in den Videos von The Simple Club hat es Fehler gegeben, und trotzdem oder gerade deshalb sehen Giesecke und Schork das anders. Bei ihnen läuft es so: Die Autoren bespielen die Kanäle, Mathe, Biologie oder Geschichte - Fremdsprachen gibt es nicht bei The Simple Club, da habe man sich noch nicht "rangetraut". Einige Autoren studieren das Fach, über das sie schreiben, andere sind eher durch Zufall dazu gekommen. Jeder Autor ist für seine Videos selbst verantwortlich, Korrekturschleifen gibt es nicht. Giesecke und Schork vertrauen auf die Weisheit der Masse. Die ersten Zuschauer jedes Videos seien keine Schüler, sondern Erwachsene, "die uns gucken, um uns fertigzumachen", sagt Schork. "Wenn wir ein Video hochladen, wissen wir innerhalb von fünf Minuten, ob es richtig oder falsch ist." Und wenn ein Video am Ende nicht "professorenkorrekt" ist - auch in Ordnung. "Den Ansatz haben wir nicht", sagt Schork, "und den müssen wir auch nicht haben. Am Ende muss es der Schüler verstehen."

Medienpädagoge Wolf formuliert das etwas drastischer. "Granatenfalsch", seien manche Videos. "Aber ich will nicht wissen, was Lehrer so erzählen, wenn sie etwas gefragt werden, was nicht im Lehrbuch steht." Wolf betont die Chancen der Technik, die er vor allem in der Vielfalt sieht. Während ein Schüler seinem Lehrer in der Schule "ausgeliefert" sein könne, könne er im Internet nicht nur seinen Nachhilfelehrer frei wählen - sondern vor allem die Geschwindigkeit, in der er lernt. Auch bei Lehrern habe sich das Image der Videos mittlerweile gewandelt. Galten sie noch vor wenigen Jahren als "des Teufels", sähen viele darin heute eine Unterstützung. Viele Schüler, berichtet Giesecke, würden ihre Videos nur kennen, weil ihre Lehrer sie im Unterricht gezeigt hätten.

Womöglich, sagt Wolf, könnten die Videos die Bildung sogar gerechter machen. Sie stünden auch Kindern offen, deren Eltern sich keine Nachhilfe leisten können und sich wenig um die Schulkarriere ihrer Kinder kümmern. Bislang allerdings deute vieles auf das Gegenteil hin: dass die Videos eher jene nutzten, die ohnehin über gute Lernstrategien verfügten.

Giesecke und Schork glauben an das Gegenteil. Ihre Belege sind die Online-Kommentare unter den Videos. "Ihr seid das beste was mir je passiert ist!", "Warum können Lehrer das nicht so erklären ...", "ihr habt mir den Arsch gerettet" - so klingen die meisten Beiträge. Ihr Ziel sei es, den Schülern die Angst zu nehmen und ihnen klarzumachen, dass es nicht an einer "Intelligenzbremse" liege, wenn sie etwas nicht verstehen. Sondern nur daran, dass sie eben ein anderes Tempo hätten. Es sei einer der Grundfehler des Systems, dass jeder den gleichen Stoff in der gleichen Zeit lernen müsse. Individuelles Lernen? Nichts als ein Schlagwort.

Wenn Giesecke und Schork mit dem Slogan "Schule ist scheiße" auf Konferenzen auftreten, dann verbirgt sich dahinter nicht nur eine halbstarke Pose, sondern eine Fundamentalkritik am Bildungssystem. Es mache den Schülern nicht klar, warum sie lernen, was sie lernen sollen - und vor allem nicht, wie.

Wo wollen wir hin?, lautet das zweite Diskussionsthema im Activity Room in Berlin. Dabei wissen hier alle genau, wo sie hinwollen. Sie wollen das Lernen verändern, auch in der Schule. "Disrupten", wie Giesecke sagt. "Je mehr Views wir haben, desto klarer wird, dass hier eine Revolution im Gange ist", sagt eine Mitarbeiterin. "Geil", sagt Giesecke.

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