Schule Musik? Fällt heute aus

Viele Schüler in Deutschland erhalten keinen regelmäßigen Musikunterricht.

(Foto: dpa)

"Schädlich, wenn man die Musik nicht in vernünftigem Maße in den normalen Unterricht einbaut": Musiklehrer beklagen die Abwertung ihres Fachs an den Schulen.

Von Reinhard J. Brembeck

Vor zwei Wochen war Schulbeginn in Bayern und langsam lastet der Stundenplan mit voller Wucht auf den Schülern. Englisch und Mathematik, das sehen Eltern und Schüler seufzend ein, sind sicherlich unvermeidlich. Aber muss der sowieso übervolle Stundenplan auch noch durch Musik künstlich aufgebläht werden?

Musik, sagt der Präsident des Bayerischen Musikrats und ehemalige Kunstminister Thomas Goppel (CSU), wird wie Kunst und Sport in der rechten Gehirnhälfte verarbeitet, während die linke für die kognitiven Fächer zuständig sei, also für Mathematik und Deutsch. Es sei ein Irrtum, Intelligenz nur in der kognitiven linken Seite des Hirns zu verorten: "In Wirklichkeit ist es so, dass die Intelligenz über den ganzen Kopf verteilt ist, und dass man deshalb die rechte Seite ebenfalls trainieren muss. Deshalb ist es schädlich, wenn man die Musik nicht in vernünftigem Maße in den normalen Unterricht einbaut."

Von Mittwoch an kommen in Hannover mehr als 1500 Musikpädagogen zum Kongress des Bundesverbands Musikunterricht zusammen. Und dessen Chef, der Musikprofessor Ortwin Nimczik, hat beklagt, dass der Musikunterricht an den Schulen abgewertet würde und es immer weniger Lehrernachwuchs gebe. Zudem sind Musiklehrer Spezialisten, die nur ihr Fach unterrichten. Wenn sie krankheitsbedingt ausfallen, dann kann schon mal auf einen Schlag eine ganze Schule ohne Musikunterricht dastehen - und die rechte Gehirnhälfte liegt brach.

Solche Klagen sind nicht neu. Sie kommen vom Deutschen Musikrat genauso wie jetzt vom Bundesverband Musikunterricht, der für 40 000 Musiklehrer spricht, welche die etwa acht Millionen deutschen Schüler unterrichten. In einer Umfrage des Instituts Allensbach gab vor drei Jahren die Hälfte der interviewten Schüler an, dass sie keinen regelmäßigen Musikunterricht erhielten. Das Musikinformationszentrum tut gar kund, dass höchstens 30 Prozent der Musikstunden an Grundschulen von Fachlehrern erteilt würden. Wie oft die Musikstunde ausfalle, sei gar nicht zu ermitteln, weil es für viele Bundesländer keine Zahlen gebe.

In Bayern wurde die verpflichtende Musiklehrerprüfung für Grundschullehrer 1973 abgeschafft und erst vor zwei Jahren wieder eingeführt - weshalb auch hier nicht immer nur ausgebildete Fachlehrer Musik unterrichten. Stolz aber ist Goppel darauf, dass auf Betreiben seines Musikrats an etlichen Schulen Bayerns vor ein paar Jahren Bläser-, Chor- und Streicherklassen eingeführt wurden. Diese Kurse sind obligatorisch, jedenfalls bis zur sechsten Klasse. Danach muss dann ein eigenes Instrument angeschafft oder geliehen und der Unterricht selbst bezahlt werden. Musik ist ein kostspieliges Hobby.

Goppel will den Musikunterricht nicht aufs Musizieren beschränkt wissen: "Allein, dass man mit Musik etwas anfangen kann, ist schon eine ganze Menge." Theorie, Geschichte, Formenkunde - all das gehört zum Musikunterricht. Mittlerweile würden sich je ein Drittel der Schüler für Musik, Kunst oder Sport begeistern, wirbt Goppel für das Fach. Aus Bayerns Kultusministerium jedenfalls, so singt ihm der CSU-Altpolitiker ein vorwahlzeitgestimmtes Lob, werde die Musik künftig "eher eine zusätzliche Förderung erfahren".