Baden-Württemberg "So Bilder zu posten, ist schon krass!"

2014 sagten in einer Studie 17 Prozent der befragten Jugendlichen, dass im vorherigen Jahr über sie Falsches oder Beleidigendes im Netz verbreitet wurde. (Symbolbild)

(Foto: imago/Reporters)

Baden-Württemberg kämpft mit einem Pilotprojekt gegen Mobbing an Schulen. Wie sehen die Schüler das Thema? Besuch in einer neunten Klasse.

Von Matthias Kohlmaier, Karlsruhe

Das Foto zeigt einen jungen Mann unter der Dusche, er trägt eine Badehose. Darunter steht: "So ein Lappen - duscht mit seiner Sporthose... KLEINER Pimmel oder was????" Dahinter drei Smileys, die Tränen lachen. Später heißt es in dem Chat, in dem mehrere Jugendliche schreiben, die offenbar in die gleiche Schule gehen: "So einen wollen wir nicht in unserer Klasse", "Warum ist der hier in der Gruppe? Verpiss dich mal" und "Der sollte sich mal Deo kaufen #danielschweiß".

Die Konversation im Kurznachrichtendienst Whatsapp ist zwar fiktiv, die Schüler einer neunten Klasse der Karlsruher Tulla-Realschule bringt sie trotzdem zum Nachdenken. Sie sprechen heute mit ihrer Lehrerin Rebecca Vorbach über Cybermobbing - aber erst mal sprechen sie miteinander über das, was sie gerade gelesen haben. Klar machen sich ein paar der offenkundig coolen Jungs lustig und nennen die erfundenen Schreiber "Assis". Einer aber sagt auch (dabei versucht er, betont desinteressiert zu klingen): "So Bilder zu posten, ist schon krass!" So kann man es sagen.

Das Thema Mobbing macht betroffen, nicht nur die Karlsruher Schüler. Je nach Studie haben entweder viele oder sogar erschreckend viele Schüler selbst schon Ausgrenzung erfahren, Beleidigungen und körperliche Attacken erlitten. In einer Befragung der Uni Lüneburg gab kürzlich fast jeder dritte Schüler an, in letzter Zeit mindestens einmal "fertig gemacht oder schikaniert" worden zu sein. 2014 sagten laut der JIM-Studie 17 Prozent der befragten Jugendlichen, dass im vorherigen Jahr über sie Falsches oder Beleidigendes im Netz verbreitet wurde.

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"Mobbing ist einer der zentralen Risikofaktoren für das Auftreten nicht nur psychischer Erkrankungen, sondern auch von selbstverletzendem Verhalten und Suizidalität im Kindes- und Jugendalter", sagt Michael Kaess, Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Heidelberger Uniklinikum. Er begleitet derzeit ein Pilotprojekt an ausgewählten Schulen in Baden-Württemberg. Dort wird das Anti-Mobbing-Konzept getestet, das der Psychologe Dan Olweus bereits in den 1980er-Jahren entwickelt hat.

Im Olweus-Programm werden nicht nur ein paar Lehrkräfte für das Thema sensibilisiert und eigens geschult, sondern alle Beteiligten an der jeweiligen Schule. Alle Schüler, deren Eltern und eben auch alle Lehrkräfte. Das macht die Prävention extrem aufwendig, allein 18 Monate dauert es, bis das Konzept sämtliche schulischen Strukturen durchdrungen hat. In den USA und Skandinavien wird Olweus dennoch seit Jahrzehnten mit großem Erfolg angewandt.

Speziell für die Lehrer ist es aufgrund von Gesprächskreisen und Feedbackrunden mit erheblichem Mehraufwand verbunden. "Der lohnt sich aber auf jeden Fall, auch wenn anfangs natürlich manche Kollegen Sorgen hatten wegen der zusätzlichen Arbeit", sagt Lehrerin Vorbach, die ihre Kollegen zu Beginn des Programms vorbereitet hat. "Aber dass wir an unserer Schule etwas gegen die sich häufenden Mobbing-Fälle tun mussten, war schnell allen klar."