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Missbrauchsskandal:Becker soll Linz "Hals über Kopf" verlassen haben

Für sie verzichtete er sogar darauf, seinem Förderer Hartmut von Hentig nach Bielefeld zu folgen, wo dieser die Laborschule aufbaute. Die beiden hatten sich in Göttingen an der Universität kennengelernt. Becker wollte dort promovieren, gehörte formal aber als Mitarbeiter nicht zu Hentig, sondern zum Lehrstuhl von Heinrich Roth. Aus der pädagogischen Promotion wurde nichts, Becker scheiterte daran und war auch sonst eigentlich nicht der große Pädagogik-Experte, als der er auftrat.

Er hatte evangelische Theologie studiert und als Vikar in Linz angefangen, dort aber nicht abgeschlossen. Die Umstände des Abbruchs sind nebulös. Das Buch wertet die Ereignisse so, dass schon damals Beckers sexuelle Neigungen zum Problem geworden waren. Becker soll Linz "Hals über Kopf" verlassen haben. Nun musste er neu anfangen. Er ging zurück nach Göttingen, wo seine Familie lebte, und schaffte es, als Promotionsstudent an der dortigen Universität eine zweite Karriere zu beginnen.

Becker war ein Meister darin, seine Biografie im Dunkeln zu lassen oder so umzudichten, dass er keine Nachfragen befürchten musste. Oelkers schreibt: "Er wollte ein Mann ohne Geschichte sein, und das kann nur mit seiner sexuellen Biografie zu tun haben." Abrupte Wechsel "gehörten zu seinem Täterprofil".

An keiner staatlichen Schule hätte Becker einfach so, ohne fertiges Pädagogik-Studium und ohne Lehramtsausbildung, als Lehrer anfangen können, schon gar nicht als Schulleiter. Doch an der Odenwaldschule war vieles möglich. Dass Becker früher in einer evangelischen Jungengruppe aktiv war, konnte ihm als Praxiserfahrung angerechnet werden. Dass er schon damals einen Zwölfjährigen ausgebeutet haben soll, wussten die Kollegen am Internat sicher nicht.

Viele hätten es wohl auch gar nicht wissen wollen. Becker war in Verden aufgewachsen. Als Kind blieb er für längere Zeit ohne Vater, als dieser in den Krieg ziehen musste. Als der Vater zurückkehrte, muss das Verhältnis schwierig gewesen sein. Der Vater, der das Niedersächsische Kulturamt leitete, soll streng und cholerisch gewesen sein. Ob Gerold Becker als Kind selbst Gewalt und Missbrauch erlitten hat, ist nicht sicher; es gibt nur entsprechende Gerüchte.

"Eine ständige und sehr eigensinnige Hochstapelei"

Die Familie zog nach Göttingen, Becker blieb zunächst in Verden, um auf dem traditionsreichen Domgymnasium sein Abitur zu machen. Das war damals eine reine Jungenschule. Becker war ein sehr guter Schüler, ein kleiner Star; trotzdem spürte er eine seltsame Rivalität zu seinem älteren, intelligenten Bruder, der in der Gunst des Vaters höher zu stehen schien.

Als Quereinsteiger gelang es Gerold Becker an der Seite von Hentig, sich schnell einen Namen als Pädagoge zu machen, der er eigentlich nicht war. Seine theologische Ausbildung kam ihm zugute, denn Becker konnte über Bildung predigen, dass dem Publikum das Herz aufging. Gedeckt von seinen Freunden, hatte er wenig zu befürchten. Sein Leben war, wie Oelkers schreibt, "eine ständige und sehr eigensinnige Hochstapelei". Zwar ist sie schließlich doch noch aufgeflogen, für die Opfer von Beckers Tarnung aber war es zu spät.

Jürgen Oelkers: Pädagogik, Elite, Missbrauch. Die "Karriere" des Gerold Becker, Beltz Juventa 2016, 608 Seiten, 58 Euro.